Theater

Das Lea-Drüppel-Theater bietet eine ergreifende Analyse unserer Gesellschaft

Das Internet wird in dieser Woche 30 Jahre alt. Das Ensemble des Lea-Drüppel-Theaters hat ein fulminantes Stück aufgeführt, das von Smartphones und dem Netz bestimmt wird - wie unser Leben.

Sehen Sie zu, dass Sie genug Guthaben haben, um diesen Artikel zu lesen. Sie wollen doch nicht bei der Hälfte gesagt bekommen, Sie hätten Ihr Limit überschritten. Denn Sie wollen diesen Text zu Ende lesen, und danach wollen Sie ins Theater gehen. Das ist kein leeres Werbeversprechen, Sie können uns vertrauen.

Am Premierenwochenende zeigt sich, dass die schon in den Proben vielversprechende Eigenproduktion im Lea-Drüppel-Theater mit dem Titel "On-line: Limit überschritten" eine vielschichtige, bewegende, lustige und vor allem ehrliche Collage unser aller Leben ist.

Normale Menschen werden fantastisch gespielt

Die jungen Schauspieler, deren internet-taugliche Generation von den "Älteren" oft kopfschüttelnd betrachtet wird (dabei verhalten "wir" uns oft doch genauso, verraten es unseren Kindern nur nicht), haben mit der Regisseurin Silke Eumann und dem musikalischen Leiter Niklas Floer das Stück selbst geschrieben.

Aber sie bleiben nicht nur schlicht authentisch, weil die Texte sie selbst betreffen, nein, da werden normale Menschen zu fantastisch gespielten, spitz überzeichneten Menschen (grandios: Felix Henze als "Prof. Dr. Norbert Schnuck" - der hier stellvertretend für das Schauspiel- und Gesangstalent aller anderen genannt wird).

Vor drei jalousien-ähnlichen Rahmen, die an Smartphone-Bildschirme erinnern, beginnt der digitale Ausflug. Auf der Bühne starren alle auf ihr Handy, tippen, wischen, ärgern sich über nicht-beantwortete Nachrichten oder dass sie blockiert werden. Blockiert bei Whatsapp, das ist der soziale Todesstoß in unserer modernen Welt, ein grausamer Vorgang, über den man keine Macht hat.

Und um Macht und Einfluss geht es doch immer, nicht nur bei den Darstellern, als sie singen: "Wenn ich bei dir blaue Häkchen seh' und keine Antwort krieg, dann flipp ich aus, und schmeiß dich raus!" "On-line" hält allen einen Spiegel vor, nimmt die Zuschauer mit in Klassenräume, auf Schulhöfe, in die Stadt, ins Jugendzimmer - überall dahin, wo es Internet gibt. Überall dahin, wo es Kummer, Hoffnung, Trauer, Angst vorm Älterwerden, Humor, Besserwisserei, (fehlendes) Modebewusstsein, (mangelndes) Selbstvertrauen, Geschwisterzank oder (unerfüllte) Liebe gibt. Also überall.

Die Fragmente des Stücks werden erzählerisch durch das unglaublich ausdrucksstarke und hochprofessionelle Spiel der jungen Leute zu einem Netzwerk der Geschichten zusammengefügt, technisch hervorragend unterstützt durch Licht, Bildprojektionen und Ton, musikalisch mit eigenen Liedern und Texten von einem Höhepunkt zum nächsten förmlich getrieben.

Das Stück "Wegweiser" rührt zu Tränen, es gibt Szenenapplaus (unter anderem als Annika Stürzebecher als "Luka" ausrastet - stark), Monologe fesseln und wirken aufgelöst durch Gruppenzwang und Gruppenhilfe besonders stark. Sehr schön: Als das Ensemble zum Birnbaum wird - "Ich bin ein Ast, ich bin eine Wurzel" - und den der digitalen Welt vorzieht. "Fake friends" sind wie "fake news", überflüssig und dumm, man muss sie nur rechtzeitig erkennen.

Am Ende steht die Sinnfrage

Es ist keine zu belächelnde Geschichte übers Aufwachsen, die hier gespielt wird, es ist eine ergreifende Analyse unserer Gesellschaft, die sich jeder Zuschauer zu Herzen nehmen muss. Am Ende müssen wir uns alle nach dem Sinn fragen, danach, wer und wie wir sind, was richtig ist und - ob unser Limit überschritten wurde. Ob unser Guthaben an Miteinander vielleicht wieder aufgefüllt werden muss.

Wer in diesem Frühjahr nur ein einziges Mal ins Theater gehen kann oder will, geht in "On-line: Limit überschritten". Und schaltet für ein paar Stunden das Smartphone aus.

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