Bei Therapiekosten-Übernahme

Lufthansa fordert Gegenleistung von Angehörigen der Germanwings-Opfer

HALTERN - Die Angehörigen der Germanwings-Opfer aus Haltern wollen ihre Klagen gegen die Muttergesellschaft Lufthansa aufrechterhalten. Erst recht, nachdem das Unternehmen ihnen ein Verzichtangebot vorgelegt hat.

Fast drei Jahre nach der Katastrophe in den französischen Alpen, bei der eine Germanwings-Maschine abstürzte und alle 151 Insassen starben, sorgt die Lufthansa für Empörung bei den Angehörigen. Die Kosten für weitere Psychotherapien will das Luftfahrtunternehmen nur noch übernehmen, wenn die Angehörigen erklären, auf eine Klage gegen die Lufthansa zu verzichten. In dem Schreiben heißt es konkret: "Nur wenn Sie bereit sind, einen endgültigen Schlussstrich unter die gerichtlichen Verfahren gegen eine Gesellschaft der Lufthansa-Gruppe zu ziehen, käme die Übernahme von Therapiekosten als freiwillige Leistung in Betracht."

Wie Rechtsanwalt Elmar Giemulla am Donnerstag auf Anfrage erklärte, lägen mehreren Mandanten derartige Schreiben vor. Sie seien empört. Giemulla hat für fast 200 Mandanten, darunter auch die Angehörigen aus Haltern, Klagen am Landgericht in Essen und in Phoenix (Arizona) eingereicht.

Aufklärung gefordert"Den Angehörigen geht es darum, dass jemand Verantwortung für das Unglück übernimmt", sagte Giemulla. "Und dass lückenlos aufgeklärt wird, wie es dazu kommen konnte."

Bei dem Absturz am 24. März 2015 waren auch 16 Schüler und zwei Lehrer des Halterner Joseph-König-Gymnasiums ums Leben gekommen. Der Co-Pilot Andreas Lubitz hatte das Flugzeug den Ermittlungen zufolge absichtlich gegen einen Berg gesteuert. Die Klage richtet sich direkt an die Flugschule in Arizona. Dort hatte Lubitz seine Ausbildung absolviert.

Angst vor Gerichtsverfahren?

"Offenbar hat Lufthansa große Angst, dass durch die gerichtlichen Verfahren Dinge ans Tageslicht kommen könnten, die dem Konzern unangenehm sind oder auch das Verschulden von Einzelpersonen aufdecken könnten", mutmaßt Anwalt Giemulla. Mit dem Schreiben jedenfalls wolle das Unternehmen die Aufarbeitung des Unglücks blockieren. Lufthansa habe mit der Verzichtserklärung aber nun genau das Gegenteil erreicht, erklärt der Anwalt. Nämlich "den verschärften Widerstand der Angehörigen". Auf Anfrage wollten sich Halterner Angehörige allerdings nicht persönlich zum Sachverhalt äußern. Das sei allzu verständlich, betont Giemulla. Denn der Streit mit der Lufthansa vor dem Hintergrund des schlimmen Verlustes eines Angehörigen sei nur äußerst schwer auszuhalten.

Lufthansa wehrt sich

Lufthansa weist den Vorwurf, Druck auszuüben, indes zurück. Germanwings und Lufthansa würden Angehörigen der Opfer in vielen Fällen auf freiwilliger Basis Kosten für bestimmte Leistungen - wie beispielsweise therapeutische Behandlungen - erstatten. "Damit leisten Germanwings und Lufthansa über das gesetzlich verpflichtende Maß hinaus wichtige Hilfe", betonte das Unternehmen.

Diese freiwilligen Leistungen seien von einigen Anwälten aber genutzt worden, "um juristisch gegen Unternehmen der Lufthansa-Gruppe vorzugehen", heißt es in der Stellungnahme. Giemulla kontert: "Das ist gelogen." Es seien auch gar nicht mehrere Anwälte in die Verfahren involviert. "Und außerdem wüsste ich gar nicht, wie man die für Psychotherapie bestimmten Gelder zweckentfremden könnte", sagt er.

Dennoch: Die Lufthansa will das freiwillige Angebot nur aufrechterhalten, "wenn ausgeschlossen ist, dass ebendiese Leistungen nicht gegen uns verwendet werden."

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