Amtsgericht

Halterner trotz Kokainfundes freigesprochen

HALTERN - Ein spannender Gerichtsprozess mit vielen Fragezeichen: In einer Halterner Wohnung hatte die Polizei vor zwei Jahren 14 Gramm Kokain gefunden. Jetzt wurde der Familienvater vom Amtsgericht Marl aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Eine wichtige Jacke ist nicht auffindbar.

Der Familienvater war der Polizei per Telefonüberwachung aufgefallen, weil er Kontakt zu einem inzwischen inhaftierten Drogenhändler hatte. Es handelt sich um einen Freund der Familie. Die Wohnung des Halterners wurde im September 2015 durchsucht, dabei fanden die Beamten 14 Gramm Kokain in kleinen Päckchen in einer Jacke an der Garderobe. Doch der Angeklagte sagt, die Jacke mitsamt Inhalt gehöre einem anderen Bekannten. Seinen Namen wolle er nur im äußersten Notfall preisgeben, weil er sonst Angst um seine Kinder habe. Seit Mai dieses Jahres beschäftigte sich das Amtsgericht Marl mit dem Fall - am Dienstag wurde der Halterner aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Das Problem für die Ermittler: Sie haben die betreffende Jacke damals bei der Durchsuchung nicht mitgenommen, wie es in der ersten Verhandlung hieß. Sie gingen einfach davon aus, dass es sich um die des Angeklagten handele. "Es wäre ungewöhnlich, wenn wir die mitgenommen hätten", sagte ein Beamter des Landeskriminalamts (LKA) am Dienstag: "Ich weiß nicht, was die für einen Beweiswert haben soll." So eine Jacke könne als Spurenträger aber durchaus relevant sein, sagte ein anderer Kollege aus.

Weder eine Liste der sichergestellten Gegenstände, noch ein Vermerk, wer das Kokain in der Jacke gefunden hat, lagen dem Gericht zum Abschluss vor. Er habe die Jacke jedenfalls nicht, sagte der Angeklagte aus. Sein Verteidiger meinte, ein (am Dienstag nicht anwesender) Staatsanwalt habe vor Monaten berichtet, die Jacke sei vernichtet worden. Ein Widerspruch.

In den Protokollen der Telefonüberwachung fand die Richterin keine Indizien, die den Halterner belasten. Der inzwischen Inhaftierte habe bei ihm zehn Kilogramm Sucuk, also Knoblauchwurst, bestellt. Die Ermittler gingen davon aus, dass es sich um ein Codewort für Drogen handele. In der Verhandlung bekräftigte der extra nach Marl gebrachte Verurteilte, dass es sich wirklich um Lebensmittel gehandelt habe. Der Halterner sei in der Region für An- und Verkauf bekannt.

Der Staatsanwältin blieb am Dienstag nichts anderes übrig, als einen Freispruch zu beantragen. Ein Berufungsverfahren ist aber noch möglich. Neben dem Kokain waren mehr als 4600 Euro Bargeld im Haus gefunden worden - laut dem Angeklagten für die Ausbildung seiner vier Kinder. Für die Argumentation des Angeklagten spreche aber, dass nirgendwo anders im Haus Hinweise auf Drogen, etwa Waagen oder Tütchen gefunden wurden, so die Richterin.

Kommentar zum Thema von Redakteur Kevin Kindel:

Auch Laien erkennen, dass in diesem Prozess einiges verkehrt gelaufen ist. Als Reporter, der zwei von drei Verhandlungen gesehen hat, weiß man mehr Details über den Fall als die Staatsanwältin, die am Dienstag das Schlussplädoyer hielt. Die Polizisten, die vorgeladen wurden, sollten sich im Dezember 2017 an einen Fall von 2015 erinnern. Bis zum Schluss bleibt unklar, welcher Polizist die Jacke und das Kokain in der Hand gehalten hatte. Es sei nirgendwo vermerkt, sagte die Richterin.

Und am Dienstag gingen sie und die Staatsanwältin davon aus, die Jacke sei beschlagnahmt worden. In der ersten Verhandlung im Mai hieß es, man habe die Jacke nicht mitgenommen. Die Richterin fand in den Protokollen der Telefonüberwachung keine Indizien. Dieser behäbige Justizapparat mit einem Prozess zwei Jahre nach der Tat und monatelangem Stillstand zwischendurch ist den Bürgern nicht vernünftig zu erklären.

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