Blick auf die Herta-Wurstwarenfabrik an der Westerholter Straße.
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Blick auf die Herta-Wurstwarenfabrik an der Westerholter Straße.

Hertener Unternehmen

Junge (2) an Herta-Würstchen erstickt - noch kein Gerichtsurteil

  • Frank Bergmannshoff
    vonFrank Bergmannshoff
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Wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung steht der in Herten ansässige Wurstkonzern Herta in Frankreich vor Gericht. Ein zweijähriger Junge war im Urlaub an einem Wurst-Stückchen erstickt.

Update 9. Februar: In dem Gerichtsprozess um ein Kind, das im August 2014 an einem Stückchen „Knacki“-Wurst von Herta erstickt war, sollte eigentlich am Montag, 8. Februar, das Urteil gesprochen werden. Doch stattdessen forderte das Gericht in der südwestfranzösischen Stadt Pax ein Gutachten an.

Wie berichtet, muss sich Herta in Frankreich seit dem 25. Januar vor Gericht verantworten. „Fahrlässige Tötung“ lautet der Vorwurf, nachdem sich der damals knapp dreijährige Lilian Lerbey im August 2014 an einem Knacki-Stückchen verschluckt hatte und erstickt war. Die deutsche Herta GmbH mit Hauptsitz in Herten hat ihr großes Bedauern ausgedrückt. In dem Prozess fordert Herta Frankreich einen Freispruch.

Hält Gutachter weitere Warnhinweise für nötig?

Wie das französische Wirtschaftsmagazin Capital berichtet, hat das Gericht im französischen Pax jetzt zunächst ein Gutachten bestellt. Erst im Oktober wird der Prozess fortgesetzt. Ein Lebensmittel-Experte soll bis dahin die Zusammensetzung der Wurst und mögliche Zusammenhänge mit dem Tod des Jungen untersuchen. Des Weiteren soll das Gutachten Aufschluss darüber geben, ob - über die heute bestehenden Warnhinweise auf den Knacki-Packungen hinaus - weitere Warnungen nötig sind. Die Eltern des verstorbenen Jungen fordern, dass nicht auf der Rückseite, sondern auf der Vorderseite der Packungen deutliche Hinweise angebracht werden. Allerdings hatte die Staatsanwaltschaft bereits angemerkt, dass es keine gesetzliche Pflicht gebe, Warnungen auf Verpackungen zu drucken.

Packungen mit Knacki-Würstchen des Herstellers Herta: Auf der Rückseite ist ein Hinweis aufgedruckt, der vor der Gefahr des Verschluckens warnt.

Update 27. Januar: Nach dem Prozessauftakt am Montag in Frankreich hat sich jetzt auch die in Herten ansässige Herta GmbH geäußert. Das Unternehmen legt dabei Wert auf die Feststellung, dass der Fall Herta in Frankreich betreffe.

Herta: „Tragödie hat betroffen gemacht“

In der Stellungnahme heißt es: „Die Tragödie, welche die französische Familie Lerbey im Sommer 2014 in Frankreich ereilt hatte, hat Herta sehr betroffen gemacht. An dieser Stelle möchten wir zunächst unser aufrichtiges Beileid ausdrücken.
Bereits zum Zeitpunkt der Tragödie hatten wir einen Hinweis auf der Verpackung der Knacki-Würstchen und empfohlen, die Würstchen für die Jüngsten in sehr kleine Stücke zu schneiden. Diese Empfehlung haben wir, ohne dass es eine rechtliche Verpflichtung gegeben hätte, im Sinne des konsequenten Verbraucherschutzes umgesetzt.“

Nach dem Tod des zweijährigen Lilian habe Herta Frankreich umgehend Kontakt zu der Familie Lerbey aufgenommen. Auf Wunsch der Familie habe man den Hinweis auf der Packung wie folgt abgeändert: „Für Kinder unter vier Jahren wegen Verschluckungsgefahr die Würstchen der Länge nach durchschneiden und anschließend in kleine Stücke schneiden.“

Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit seien „unbedingte Bausteine unserer Qualitätsphilosophie“, betont Herta. „Deshalb war es für uns selbstverständlich, den Hinweis zur Verzehrempfehlung gemeinsam mit der betroffenen Familie weiter zu optimieren.“

Eltern fordern Hinweis auf Vorderseite der Packung

Allerdings: Das Entgegenkommen von Herta reicht der Familie Lerbey nicht aus. Die Eltern des erstickten Kindes wollen, dass sich das Geschehene nicht wiederholt. Sie fordern, dass der Warnhinweis nicht auf der Rückseite, sondern größer und deutlicher auf der Vorderseite der Packungen platziert werden soll.

Unsere Berichterstattung vom 26. Januar: Der tragische Vorfall hat sich auf einem Campingplatz in Frankreich ereignet. Das berichtet die Staatsanwaltschaft im südwestfranzösischen Ort Dax. Die Mutter hatte für ihre Kinder Herta-Würstchen der Sorte „Knacki“ geschnitten. Ein Stückchen verstopfte die Luftröhre des zwei Jahre und elf Monate alten Lilian. Alle Versuche, die Wurst zu entfernen scheiterten. Auch Sanitäter konnten den Jungen nicht retten, wie die französische Nachrichtenagentur AFP berichtet.

Der Vorfall hat sich bereits im Sommer 2014 zugetragen. Seit Montag, 25. Januar 2021, steht Herta nun in Frankreich vor Gericht. Das Unternehmen hat Freispruch beantragt. Am 8. Februar soll das Urteil verkündet werden..

In einem Kühlregal werden Knacki-Würstchen von Herta angeboten. Das französische Wort „volaille“ bedeutet Geflügel.

Nach Erstickungstod Warnhinweis auf Packungen

Nach dem Erstickungstod des Jungen hatte Herta bereits reagiert und auf der Rückseite der „Knacki“-Packungen einen Hinweis platziert, dass die Würstchen vor dem Verzehr durch kleine Kinder nicht nur quer, sondern auch längs zerschnitten werden sollen, damit möglichst kleine Stücke entstehen. Wörtlich heißt es dort: „Für Kinder unter vier Jahren die Wurst der Länge nach schneiden und dann in ganz kleine Stücke, um Erstickungsrisiken zu vermeiden.“ Die Eltern des Kindes fordern, dass der Warnhinweis größer und deutlicher auf der Vorderseite der Packungen platziert werden soll.

Mehrheit an Herta wurde 2020 an Spanier verkauft

Das Unternehmen Herta mit Hauptsitz und Werk in Herten sowie mit zwei weiteren Werken in Frankreich gehörte bis 2020 vollständig zum Lebensmittelkonzern Nestlé. Inzwischen hat Nestlé 60 Prozent an das spanische Unternehmen Casa Tarradellas verkauft.

Herta beschäftigt rund 370 Menschen am Hauptsitz in Herten-Langenbochum (Verwaltung/Produktion) sowie insgesamt rund 1700 Menschen in den beiden französischen Werken in Illkirch und Saint-Pol-sur-Ternoise. Überhaupt ist Herta auf dem französischen Markt wesentlich bedeutender als in Deutschland und dort zum Beispiel auch für Teigwaren (Nudeln usw.) bekannt.

Herta-Gründer Karl-Ludwig Schweisfurth war am 15. Februar 2020 verstorben. Er hatte den Wurstkonzern 1986 an Nestlé verkaut, um sich danach der ökologischen Landwirtschaft zu verschreiben.

Wir halten Sie an dieser Stelle auf dem Laufenden.

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