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Zum Fürchten: Die Hertener Kiosk-Betreiberin Sabine Vehlken (51) hält zwei Zigarettenschachteln mit den neuen Ekel-Fotos ins Bild. Seit Mai sind sie zunehmend auch in Hertens Tabak-Regalen zu finden.

Fotos auf Zigarettenschachteln

Kopfschütteln über Schockbilder

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HERTEN - Es wird Blut gespuckt, dahingesiecht und gestorben: Die neuen Schockbilder auf Zigarettenschachteln haben Hertens Kioskregale erreicht. Händler und Kunden reagieren mit Kopfschütteln. Doch die Tabakkonzerne haben noch Tricks auf Lager.

Da steht er jetzt und starrt auf die Stange L&M, die über und über mit den hässlichen Bildchen tapeziert ist. „Eklig“ findet der Kunde, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, die neuen Bilder. Einerseits. Andererseits hat er seinen Enkeln versprochen, das Rauchen aufzugeben. „Die sagen mir immer: Opa, das ist total gefährlich. Und sie haben recht.“ Jetzt hadert er mit sich selbst.

Luftröhrenschnitte, faulige Zähne, Tote

Das Geschäft mit dem Tabak ist heute kein leichtes mehr, sagt Sabine Vehlken (51), Inhaberin des Kiosks 114 auf der Feldstraße. „Die Umsätze steigen wegen der gesetzlich festgelegten Preiserhöhungen, aber die Margen sind mickrig.“ Der Einkauf von Zigaretten binde jede Menge Kapital, das ständige Einsortieren der Schachteln sei zeitaufwendig. Und jetzt auch noch Schockbilder.

Seit drei Wochen prangen sie beidseitig auf Schachteln, Drehtabakpäckchen und Stopftabakdosen. Sie zeigen Luftröhrenschnitte, faulige Zähne, Tote. Die Konzerne setzen damit eine EU-Richtlinie um (siehe Stichwort), die vor zwei Jahren verabschiedet worden ist. Zwar beherrschen bislang die alten Packungen das Bild, doch sie werden nach und nach verschwinden. Im Mai 2017 ist endgültig Schluss.

Industrie lässt Taten sprechen

Schlussmachen mit den Glimmstängel, das ist für Raucher Uwe Durchholz aus Herten keine Option: „Die Bilder sind nicht schön. Aber vom Rauchen abbringen werden sie mich nicht. Ich glaube, ich werde die Schachteln mit irgendetwas abdecken. Die Industrie macht sich bestimmt schon Gedanken.“

Mehr als das: Sie hat bereits Taten sprechen lassen. In den meisten Tabakregalen werden die hässlichen Bildchen jetzt von Pappkärtchen in der ersten Reihe verdeckt, zum „Schutz von Mitarbeitern und Kindern im Laden“, haben die Vertreter der Tabakkonzerne gesagt, erzählt Sabine Vehlken. Die Kauffrau bietet auch Lösungen außerhalb ihres Kiosks an: neue Zigaretten-Etuis sollen die Raucher zum Umfüllen animieren. Ganz ähnlich hält es Eckard Falk (69), Inhaber des gleichnamigen Lotto-Tabak-Geschäfts in der Innenstadt: Bei ihm gibt es Überzieher, „damit die Kunden die Bilder nicht sehen müssen.“ Er ist jedoch sicher: „Der Mensch gewöhnt sich an alles – auch an Schockbilder. Und wer rauchen will, der raucht.“

Der Trend geht in Richtung Selbstdrehen

Ismail Cosgun hat da so seine Zweifel. Seit vielen Jahren raucht er, mehrmals hat er versucht aufzuhören. „Ich finde die Bilder gut, sie geben einen Denkanstoß“, sagt er. Ob es jetzt mit dem Aufhören klappt? Er zuckt die Schultern: „Keine Ahnung.“

Auf Vorrat eingekauft hat in den vergangenen Wochen Manfred Germann (76), Inhaber des gleichnamigen Tabakgeschäfts in Disteln. Seine Kunden sollen sich langsam an die neuen Bilder gewöhnen. Seit 56 Jahren verdient er mit Zigaretten und Co. seine Brötchen. Er sagt: „Das Geschäft hat sich gewandelt, die Kunden sind heute eher bereit, günstige Marken auszuprobieren. Der Trend geht in Richtung Feinschnitt zum Selbstdrehen. Ganz vom Rauchen abhalten lassen werden sich aber die wenigsten. Auch nicht mit Schockbildern.“

Im Kiosk 114 hat der Mann, der seinen Enkeln zuliebe das Rauchen aufgeben will, doch noch einmal zugegriffen. Die Stange Zigaretten nimmt er mit nach Hause. Ob er eines Tages aufhört? Er weiß es nicht. Doch tief in ihm drin arbeitet es gewaltig.

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