Corona-Schicksal

Qualvolle Tage und ein Ende ohne Abschied - das ist die Geschichte der Familie Sam

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Mehmet und Ersoy Sam – Vater und Sohn, zwei kräftige Männer aus Herten. Das Coronavirus streckte sie nieder, nur einer stand wieder auf. Das ist ihre Geschichte.

Ersoy Sam ist im Berufsleben ein rationaler Mensch. Der 44-Jährige hat es vom Bergmannssohn zum Rechtsanwalt und Unternehmensberater gebracht. Nach seiner Kindheit in Herten eröffnet er mit 26 Jahren eine Kanzlei in Dortmund, später geht er nach Köln und lebt heute als Unternehmensberater in seiner Wahlheimat Istanbul.

Soweit der Business-Mann. Der Familienmensch Ersoy Sam ist seit 20 Jahren verheiratet mit Gattin Bedia, hat Sohn und Tochter und engen Kontakt zu seinen Angehörigen, die mal in ihrer deutschen Heimatstadt Herten, mal in ihrem Haus in der türkischen Stadt Bursa leben.

Mehmet Sam (73) ist das Oberhaupt der Familie, bis er zeitgleich mit Sohn Ersoy an Covid-19 erkrankt und an den Folgen im Prosper-Hospital verstirbt. Der Bergbau-Rentner hatte es an der Lunge, war ansonsten aber fit. Auch seine Frau Emine (67) hat sich angesteckt, sie kommt mit leichten Symptomen davon. Ersoy Sam erzählt von einem schweren Verlauf bei sich selbst – mit Lungenentzündung und Atemnot. Doch er überlebt.

Ein Bild aus glücklichen Frühlingstagen in der Türkei: Mehmet Sam, damals 71 Jahre alt.

Was ist geschehen? „Ich war im Oktober in Deutschland und hatte viele berufliche Termine.“ Ob er sich dabei angesteckt und womöglich später die alten Herrschaften infiziert hat? „Man weiß es nicht. Wir waren sehr vorsichtig. Mein Vater saß sogar zu Hause mit Maske. Wenn meine Schwester Aysungül mal hüstelte, schickte er sie gleich raus.“

Ersoy Sam (44) aus Herten vor seiner Covid-Erkrankung.

Weil er sich unwohl fühlt und hohes Fieber hat, geht Ersoy Sam nach der Rückkehr in die Türkei ins Krankenhaus und lässt sich auf Corona testen. Ergebnis: positiv. Er erhält Favipiravir, ein Medikament gegen Viruserkrankungen. Es wurde zuerst in China und Russland zur Behandlung von Covid-19 zugelassen und wird nun auch in der Türkei eingesetzt. Zu Beginn der Pandemie wurden Erkrankte dort mit dem umstrittenen Medikament Hydroxychloroquin behandelt – ob sie wollten oder nicht.

Im Privatkrankenhaus beatmet

Der kranke Anwalt isoliert sich im Haus seiner Eltern in Bursa, um Frau und Kinder nicht anzustecken. Nach drei Tagen bekommt er Atemnot, kollabiert und ruft mit letzter Kraft den Rettungsdienst. In einem Privatkrankenhaus wird er beatmet und intensivmedizinisch betreut. Er erhält Blutplasma-Behandlungen und erholt sich langsam.

Dann die schlechte Nachricht aus Deutschland von der Infektion des Vaters. Der will noch voller Sorge um den kranken Sohn nach Istanbul fliegen, hat den Koffer schon gepackt. Doch Ehefrau Emine schickt ihn am 24. Oktober ins St.-Elisabeth-Hospital. Von dort wird Mehmet Sam auf die Corona-Station des Recklinghäuser Prosper-Hospitals verlegt.

Der Senior wird intubiert

„Wir hatten noch videotelefoniert, ehe er am 28. Oktober ins künstliche Koma versetzt und intubiert wurde“, erinnert sich Ersoy Sam. Es folgt eine Zeit quälender Ungewissheit. Alle hoffen, dass der alte Herr sich erholt. Doch die schlimmsten Befürchtungen werden wahr. Am 5. November wird Ersoy Sam in der Türkei aus dem Hospital entlassen. Am 8. November verstirbt sein Vater, ohne dass er ihn noch einmal hätte sehen können.

Wie viele einstige Gastarbeiter soll Mehmet Sam in der Türkei beerdigt werden. Das geschieht nach muslimischem Ritus schnellstmöglich nach dem Ableben. Doch es gibt Schwierigkeiten. „Die Flugzeuge sind voller Särge – auch das ist eine Folge von Corona.“ Am Abend des 9. November kommt der Sarg dann doch in Istanbul an, der Vater wird zu Grabe getragen.

Ersoy Sam ist noch nicht komplett genesen. Er ruft zu verantwortungsvollem Verhalten auf: Feiern und Treffen meiden, die Hygieneregeln einhalten und möglichst viel zu Hause bleiben. Denn: „Mit dieser Krankheit ist nicht zu spaßen. Es ist die schwierigste und schmerzhafteste Phase meines Lebens.“

Rubriklistenbild: © Privat

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