In Scherlebeck wurden Flyer von Bodo Schiffmann, einerm Vertreter der „Querdenken“-Bewegung, verteilt.
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In Scherlebeck wurden Flyer von Bodo Schiffmann, einem Vertreter der „Querdenken“-Bewegung, verteilt.

Absender ist umstrittener Arzt

Corona-Flyer in Hertener Briefkästen: Pamphlete wurden stadtweit verteilt

  • Sebastian Schneider
    vonSebastian Schneider
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In Scherlebeck hatten einige Anwohner Flyer im Briefkasten, die die Gefahr der Corona-Pandemie stark relativierten. Die Empfäger sind empört.

Update 10. Dezember

Nachdem diese Zeitung in der vergangenen Woche über Flugblätter berichtete, die die Gefahr durch das Coronavirus relativieren und in Scherlebecker Briefkästen geworfen worden waren, meldeten sich mehrere Internet-Nutzer zu Wort. Auch sie berichteten von derartigen Flyern – die offenbar im gesamten Stadtgebiet verteilt worden waren.

Aus Disteln, aus Bertlich, vom Paschenberg und aus Westerholt meldeten sich Menschen, sie hätten ebenfalls „Post“ erhalten. Nicht immer sei das in den vergangenen Tagen der Fall gewesen, einmal ging es auch um Info-Material der Partei „WIR2020“ im Vorfeld der Wahl im vergangenen September.

Angelika Kerschbaumer zum Beispiel fischte „vor zwei, drei Wochen“ einen Flyer aus ihrem Briefkasten in Disteln. „Von wem dieser Flyer genau war, kann ich gar nicht mehr sagen“, sagt sie. „Angeblich von mehreren Ärzten. Eine Aussage war, dass die Masken gefährlich sind und man durch das Tragen von Masken krank wird. Ich habe den Flyer nur überflogen und ihn dann in den Müll befördert.“

Das ist ziemlich genau das Verhalten, für das die Stadt-Verwaltung bei der Bevölkerung wirbt: „Wer die beschriebenen Flugblätter im Postkasten findet, sollte sie einfach direkt entsorgen und sich im Zweifel mit verunsicherten Nachbarn sachlich zum Thema austauschen“, so Stadt-Sprecherin Ramona Eifert. „Bürgerinnen und Bürgern empfehlen wir, sich mit fragwürdigen Quellen und Botschaften äußerst kritisch auseinanderzusetzen. Wir verurteilen die Verbreitung von ‚Fake News‘ auch in Bezug auf das Coronavirus.“

Regelmäßig veröffentliche die Stadt daher Mitteilungen und Infos in den Sozialen Medien zum Thema. Eine stadtweite Handzettel-Aktion in einer Auflage von knapp 30.000 Stück mit validen Informationen sei in der vergangenen Woche initiiert worden, eine Aufklärungskampagne schmücke derzeit die Müllfahrzeuge des Zentralen Betriebshofes (ZBH).

Ein Fall für die Polizei sind Flugblätter, auch wenn sie gegen den Willen des Empfängers in den Briefkasten geworfen werden, nur unter einer Voraussetzung: „Sie müssen das Strafrecht berühren“, sagt Polizeisprecherin Ramona Hörst. „Wenn einem Bürger aber etwas verdächtig vorkommt, wenn er jemanden dabei beobachtet, wie er etwas in Briefkästen wirft, kann er uns anrufen.“

7. Dezember

„Mach Dich schlau, werde aktiv“, steht auf einem Flugblatt, das Steffi Lüning in der vergangenen Woche aus ihrem Briefkasten an der Jahnstraße in Scherlebeck fischte. Der Absender: Dr. Bodo Schiffmann, HNO-Arzt, Betreiber einer „Schwindelambulanz“ in Sinsheim (Baden-Württemberg) und bekannter Relativierer der Corona-Pandemie.

So ganz genau habe sie zunächst nicht hingeschaut, sagt Steffi Lüning. „Ich dachte, ich würde informiert, zum Beispiel von der Stadt – schließlich sah das Schreiben professionell aus.“ Aber dann schaute die 54-Jährige doch näher hin. „Da habe ich gedacht: Halt!“

Im Flugblatt werden allerlei Behauptungen aufgestellt. So etwa, dass im Durchschnitt jeder dritte positiv Getestete das eigentlich nicht sei. An manch anderer Stelle sollen Fußnoten Seriösiät suggerieren, hier allerdings nicht. Die Behauptung hingegen, dass ein positiver Test nichts darüber aussage, ob die Person ansteckend oder aktuell infiziert ist, wird mit einem Link in der Fußnote scheinbar untermauert. Der führt unter anderem zur Stiftung Corona-Ausschuss. Auf der Internetseite heißt es unter anderem, dass durch Corona „eine Überlastung des Gesundheitssystems (...) nicht auch nur annähernd eingetreten“ sei.

Steffi Lüning war sofort klar, dass das Flugblatt gefährliche Falschaussagen enthält. Sie habe es zerrissen und in den Müll geworfen, sagt sie. Sorgen mache sie sich aber, dass manche Menschen den Inhalt glauben könnten, weil die Schrift professionell gemacht aussieht. „Ich denke da unter anderem an ältere Menschen“, sagt Steffi Lüning. Sie wisse aber nicht, ob Nachbarn das Flugblatt auch im Briefkasten gehabt hätten. „Wir arbeiten alle, und auf der Straße sieht man sich nicht so häufig. Im Sommer wäre das einfacher.“

Das Phänomen der Flugblätter ist nicht neu: Anfang November waren in der Straße In der Feige welche in die Briefkästen gesteckt worden, in der vergangenen Woche war das auch in Recklinghausen vorgekommen.

Gegen Bodo Schiffmann ermittelt die Staatsanwaltschaft, weil er als Arzt ohne Untersuchung Menschen von der Maskenpflicht befreit haben könnte.

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