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Hanna (Isabella Wolf) und Jaksch (Jakob Schreier) nach einer Partynacht.

TV-Kritik

„Fett und Fett“ im ZDF: Es muss nicht alles Drama sein

Überraschung: Dem ZDF gelingt mit „Fett und Fett“ eine erfrischend authentische Serie über 30-jährige Großstädter*innen.

Wie nähert man sich einer Generation? Wie greift man ein Gefühl auf, wie stellt man Unsicherheiten dar? Seit Beginn der Filmgeschichte stellen sich immer wieder Filmemacher*innen und inzwischen auch unzählige sogenannte „Showrunner“ von Serien diese Frage. Vom Alltag zu erzählen ist eine hohe Kunst, weil Film und Serie immer dramatisiert, zuspitzt, überhöht. Und gibt es überhaupt ein einheitliches Lebensgefühl von Mittzwanzigern oder Mittdreißigern? Wie will man etwas darstellen, was so ungreifbar, so divers ist?

„Fett und Fett“ hat als freie Webserie angefangen, geschrieben von Chiara Grabmayr und Jakob Schreier, der auch die Hauptrolle spielt, während Grabmayar inszeniert. Jetzt ist das ZDF eingestiegen und es gibt neue Folgen. Und überraschenderweise gelingt diese Serie, die sich eben genau um eine Art Verlorenheit von grade 30 werdenden Großstädter*innen (in München und Berlin) ziemlich gut.

„Fett und Fett“: zu großen Teilen authentisch

„Fett und Fett“, Dienstag 15.10, 00.15 ZDF, ab sofort in der ZDF Mediathek (verfügbar bis 6.4.2020)

Die Serie erzählt von Jaksch, der vor seinem 30. Geburtstag steht, keinen festen Job und keine feste Beziehung hat, dafür aber umso mehr trinkt und raucht – obwohl er mit Letzterem eigentlich längst aufhören wollte. Jaksch lernt irgendwann Hanna kennen, die ihm eigentlich nur eine Waschmaschine verkaufen wollte, doch die beiden landen über Umwege in der Badewanne und tun das, was man auf eine Art Verlieben nennen kann. Aber es wird darüber nicht explizit geredet, irgendwann sind sie halt zusammen, obwohl Hanna grade von München nach Berlin gezogen ist.

Es gibt in „Fett und Fett“ erfrischenderweise kaum dramatische Szenerien, in denen es um alles geht. Die Serie erzählt die meisten schwerwiegenden Entscheidungen und Ereignisse in Auslassungen und konzentriert sich auf den Alltag dazwischen.

Dramaturgisch drehen sie also die Erzählkonvention um, was ein großer Gewinn ist, weil es Zeit gibt, die Figuren als wahre Menschen in ihrer Umgebung kennenzulernen - es trägt viel dazu bei, dass die Serie zu großen Teilen authentisch wird. Nicht jede angedeutete Verwicklung löst sich ein, nicht jeder Konflikt endet in einer Katastrophe.

„Fett und Fett“ ist klug geschrieben

„Fett und Fett“ ist vor allem klug geschrieben. Jakob Schreier und Isabella Wolf spielen Jaksch und Hanna genau in diesem Sinne, als echte Menschen, die eben nicht immer eine Antwort wissen und manchmal noch nicht mal, wie man einen Satz zu Ende spricht. „Sorry, ich bin grad einfach ein Penner“ sagt Hanna einmal zu Jaksch in einer Konfliktsituation. Ein unschönes Wort, aber ehrlich gesprochen.

Auch „Fett und Fett“ hat Momente, die nicht ganz so gut funktionieren, wie andere. Die Rahmenhandlung der ersten Folge spielt während einer Therapiesitzung, in der Jaksch sich von einer Therapeutin anhören muss, dass seine geschilderten Probleme ja keine wirklich echten Probleme seien und ihr das auf die Nerven ginge. 

„Joker“ im Kino – Ansichten eines Clowns: Todd Phillips’ durchaus einzigartiger Comic-Blockbuster „Joker“*

Neben der Tatsache, dass diese Aussagen dem Beruf der Psychotherapeut*innen sicher nicht gerecht wird, fehlt hier völlig die Glaubwürdigkeit, welche die Serie sonst so sehenswert macht. „Probleme von irgendwelchen 30-Jährigen, wer will denn so etwas sehen“ fragt die Therapeutin gegen Ende der Folge sogar mit Blick in die Kamera. Dramaturg*innen würden hier sagen „Die Filmemacher*innen vertrauen ihrem Stoff nicht.“ Das ist schade, denn Grabmayar und Schreier können ihrem Stoff in dieser sehr erfrischenden Serie durchaus vertrauen.

Von David Segler

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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