Die hohe Kunst des Knibbelns

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Vielleicht hat das etwas mit unseren Genen zu tun, vielleicht ist es ein angeborenes Talent, vielleicht ein Rätsel, das wir erst in ferner Zukunft lösen werden: Die Kunst des Knibbelns ist und bleibt wohl auch ein großes Geheimnis - besonders für mich. Wenn ich etwas hasse, dann langes Herumfummeln an Kabeln, Strippen und was sich sonst so knibbeln lässt.

Mit diesem Problem stehen wir, meine bessere Hälfte und ich, sicher nicht allein: Der Knibbelfaktor in den eigenen vier Wänden wächst unaufhaltsam. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass immer mehr Geräte heute kabellos funktionieren. Mobiltelefone, Tablets, tragbare Computer... das ist nur eine kleine Auswahl. All diese Geräte haben Akkus. All diese Akkus müssen geladen werden. Und all diese Ladegeräte haben Kabel, lange, dünne Kabel, die sich scheinbar in boshafter Absicht zusammenrotten und verknubbeln. Mit anderen Worten: Wer eilig mal eben ein Gerät aufladen will, muss erst mal knibbeln - meist dann, wenn er dazu weder Zeit noch Lust dazu hat.

Dabei beschränkt sich die Knibbelei beileibe nicht auf die digitale Welt. Wenn ich nur in den Garten gucke, sehe ich das nächste Unheil schon auf mich zukommen. Stricke, Taue, Schnürsenkel, Fäden... die Vielfalt des knibbelfähigen Materials ist schier unerschöpflich. Selbst der kleine Reinigungswischer meines Saxophon hat neuerdings Knoten, die mir nie zuvor aufgefallen sind. Ein ordentlicher Hobbymusiker kann das nicht tolerieren. Die Knoten haben sich selbst so festgezogen, wie es nur geht. Da steht Hardcore-Knibbelei auf der Tagesordnung. Ich hasse das.

Ist der Spaß am Knibbeln am Ende ein Geschlechtsmerkmal? Wenn ich beobachte, mit welcher Engelsgeduld meine Frau jedem Knoten, jedem Knubbel zu Leibe rückt, mal hier herumzupft, mal dort zieht und am Ende immer als Sieger aus diesem Kampf hervorgeht, dann fehlen mir die Worte. Dieses Talent fehlt mir. Am Ende bekomme ich meist die Wut und schiele schon heimlich in Richtung Haushaltsschere, was bei Schnürsenkeln oder Ladekabeln natürlich ein teurer Unsinn wäre.

So bleibt mir nur eine tiefe Verneigung vor allen Großknibblern und Großknibblerinnen dieser Welt. Ich bewundere, was Ihr könnt, und ich bin dankbar, dass Ihr es tut. Ich reinige derweil mein Saxophon mit verknotetem Wischer und bestelle mir im Restaurant Spaghetti. Die sind lecker, wie sie auf dem Teller liegen. Völlig ungeknibbelt.

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