Manchmal gehorchen mir die Finger nicht

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Manchmal verstehe ich meinen Körper nicht. Dann habe ich das Gefühl, mein Körper versteht auch mich nicht - genauer gesagt: Er kapiert die Befehle einfach nicht, die ihm per Nervenverbindung übermittelt werden. Ist ja auch logisch - das Kapieren ist schließlich Sache des Gehirns. Worauf ich hinaus will? Auf das Saxophonspielen natürlich!

Je länger ich darüber nachdenke, desto unlogischer scheint mir das Problem. Jeder kann selbst die Probe aufs Exempel machen: Setzen Sie sich an einen Tisch und trommeln mit den Fingern einer Hand einfach mal drauflos - so, als wären sie ungeduldig oder müssten jemandem zuhören, der langatmig redet. Ist das schwierig? Natürlich nicht: Die Finger trommeln scheinbar von selbst. Tatsächlich tun sie das nicht, doch es fühlt sich fast so an, irgendwie... selbstverständlich, nicht der Rede wert.

Genau diese Bewegung brauchen wir, meine bessere Hälfte und ich, für ein Rhythm'n'Blues-Stück, das uns richtig Spaß macht. "Knock on Wood" heißt es. Die ersten Schritte, uns in dieses Stück einzufinden, waren schwierig, die ersten Erfolgserlebnisse dafür um so schöner. Der Rhythmus ist nicht leicht zu verstehen, die Saxophon-Phrasen in diesem mal hektischen, mal etwas schleppenden Lauf des Stückes auch nicht... aber irgendwann klappt's dann, zumindest so einigermaßen. Das Glück währt bis zu einer Passage so etwa zu Beginn des letzten Drittels. Dort kommt eine Tonfolge, die richtig schnell gespielt werden muss, nicht ein bisschen schnell, nicht ein bisschen schneller als ein bisschen schnell... sondern richtig mit vollem Tempo, sozusagen mit durchgetretenem Gaspedal.

Die Bewegungen, die die Finger einer Hand - in meinem Fall ist es die linke - vollführen müssen, sind letztlich keine anderen als beim hektischen Tisch-Getrommel. Trotzdem verstehen Stunden, zahllose Versuche sind nötig, bis es auch nur halbwegs klappt mit dem Geträller, und das dann auch noch mit der nötigen Schnelligkeit. Während ich es wieder und wieder und wieder versuchte, schoss mir mehr als einmal der Gedanke durch den Kopf: Warum ist die gleiche Bewegung mal kinderleicht, mal kaum zu bewältigen? Körperlich anstrengend ist so oder so nichts daran. Dasselbe Gehirn gibt die Befehle, dieselben Nerven übermitteln sie, die selben Muskeln führen sie aus.

Mein Verdacht: Wir spielen uns bei solchen scheinbar unüberwindlichen Klippen selbst einen Streich. Es ist vermutlich die Angst vor dem Versagen, die am Ende dazu führt, dass wir versagen. Beim Trommeln auf dem Tisch gibt es keine Fehler und keine Ausrutscher: Der Mensch trommelt einfach drauflos, und fertig. Beim Spielen sieht die Sache anders aus: Wenn ich mir lange genug einrede, dass das furchtbar schwierig ist, trifft genau diese Prognose ein. Am Ende stehe ich da wie ein Depp mit verknoteten Fingern und frage mich, warum andere solche Tempo-Passagen einfach locker herunterspielen. Vielleicht, weil sie sich nicht selbst verrückt machen?

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