Neue Amazon-Serie

Ein schockierendes Gedanken-Experiment

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Schon ein einziges, isoliertes Ereignis kann den Lauf der Geschichte verändern. Von dieser Prämisse jedenfalls geht die neue Serie "The man in the high castle" aus. Die Pilotfolge zieht die Zuschauer in ein interessantes, aber zugleich schockierendes Gedanken-Experiment: Was wäre, wenn Deutschland und Japan den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten?

Das Serien-Projekt wurde von Amazon in Auftrag gegeben und unter anderem von Star-Regisseur Ridley Scott sowie Akte-X-Drehbuchautor Frank Spotnitz produziert. Es basiert auf dem gleichnamigen Roman des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick (deutscher Titel: "Das Orakel auf dem Berge") aus dem Jahr 1962.

In der alternativen Realität wurde US-Präsident Franklin D. Roosevelt im Jahr 1933 bei einem Attentat getötet. Dem Verlauf des folgenden Krieges gibt diese Tatsache die entscheidende Wendung. Er endet nicht etwa 1945 mit der Kapitulation Japans, sondern erst zwei Jahre später mit dem Sieg der Achsenmächte. Hitler nimmt sich demnach nicht das Leben, sondern steht auf dem Gipfel seiner Macht. Er kontrolliert weite Teile Europas und Afrikas sowie einen großen Bereich der ehemaligen Vereinigten Staaten von Amerika.

Denn diese werden unter den Siegern aufgeteilt - der Osten nennt sich fortan "Großdeutsches Reich", der Westen wird als "Pazifische Staaten von Japan" bezeichnet. Dazwischen existiert noch eine neutrale Pufferzone (die "Rocky-Mountains-Staaten"), da beide Nationen doch nicht so friedlich miteinander verbunden sind, wie es nach dem Kriegserfolg zunächst den Anschein hat. Auch kulturell und wirtschaftlich sind die Gräben riesig. Während Japan die Entwicklung neuer Technologien auf breiter Basis vorantreibt, ist Deutschland auf den weiteren Ausbau seines riesigen Militär-Arsenals fixiert.

Bezahlt wird im Ostteil der Staaten natürlich mit der Mark. Das ist aber auch die einzige Sache, die einen in Zeiten der Eurokrise lebenden Menschen vielleicht an dieser Alternativ-Welt erfreuen würde. Denn die deutschen Machthaber lassen die amerikanischen Bürger in den Fabriken für neue Waffen schuften. Außerdem existieren natürlich die Rassengesetze weiter, so dass Juden gnadenlos verfolgt werden. Keine Gnade haben die Nazis auch mit - ihrer Meinung nach - minderwertigen Menschen, wie beispielsweise Krüppeln. Diese werden gleich reihenweise verbrannt. Dies wird in der Pilotfolge in einer eindrucksvollen Szene verdeutlicht. Dort wundert sich eine der Hauptfiguren, warum es bei gutem Wetter schneit - bis ihr ein Polizist erklärt, dass dies kein Schnee, sondern die Asche der Leichen aus den Krankenhäusern ist.

Die Handlung des Piloten dreht sich um das Schicksal von zwei Personen. Eine davon ist Joe Blake (dargestellt von Luke Kleintank), der sich im New York des Jahres 1962 dem Untergrund anschließt. Er soll mit einem Lastwagen einen verbotenen Propaganda-Film des Widerstandes in die neutrale Zone nach Canon City bringen. Eher unfreiwillig gerät dagegen Juliana Crain (Alexa Davalos) in den Kampf gegen die Besatzer. Sie hat sich eigentlich in San Francisco an der Westküste mit der Situation arrangiert und sogar mit einem Japaner angefreundet. Da wird ihre Halbschwester Trudy von japanischen Soldaten getötet. Zuvor kann sie Juliana noch ihre Handtasche anvertrauen, und in der befindet sich ebenfalls hochbrisantes Material: noch mehr Propaganda-Filme, die den Kriegsverlauf so schildern, als wären die Allierten am Ende doch siegreich gewesen. Amazon hat "The Man in the high castle" jetzt im Rahmen seiner "Originals"-Reihe auf seinem Streaming-Dienst "Instant Video" veröffentlicht. Halbwegs gute Englischkenntnisse sind vonnöten, will man der komplexen Handlung folgen. Denn der Pilot ist nur in der Originalsprache verfügbar und es werden dazu unverständlicherweise keinerlei Untertitel (noch nicht einmal englische!) angeboten.

Das ist aber auch das einzig Ärgerliche an der Produktion, die mich von der ersten Minute an in ihren Bann gezogen hat. Sie erscheint mir ein wenig wie eine Mischung aus "The Americans" und "Lost". Vor allem, als sich Juliana die alten Filmrollen auf einer Leinwand anschaut, fühlte ich mich sofort an die Kultserie auf der einsamen Insel erinnert, in der Japaner ja auch eine gewichtige Rolle spielen. Überzeugen können auch die Darsteller, nicht nur in den Hauptrollen. Speziell Rufus Sewell ist als rücksichtsloser SS-Obergruppenführer eine echte Offenbarung.

Eines sei noch verraten: Den größten Aha-Effekt gibt es in den letzten Sekunden. Da wird dem Zuschauer etwas enthüllt, mit dem er so niemals rechnen konnte!

Daher hoffe ich nun inständig darauf, dass es nicht bei diesem heftigen Cliffhanger bleibt, sondern die Serie eine Zukunft hat. Bei der "Originals"-Reihe dürfen nämlich die Zuschauer darüber entscheiden, ob ein Projekt fortgesetzt wird oder nicht. Für "The man in the high castle" stehen die Chancen nach derzeitigem Stand aber offenbar sehr gut. Aktuell findet man bei Amazon 236 Bewertungen und eine Durchschnittswertung von viereinhalb von insgesamt fünf Sternen.

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