Plötzlich wohnen wir im Urwald

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Unsere Gedächtnisse, das von meiner besseren Hälfte und meines, funktionieren ganz gut, so weit wir das beurteilen können. Doch um uns an einen Sommer wie diesen zu erinnern, müssen wir schon ziemlich tief kramen. Diese Abfolge von wahren Wolkenbrüchen, nachfolgender tropischer Schwüle und mittelprächtiger Hitze wirkt auf unseren Garten wie Hefe auf einen Kuchenteig. Alles geht aus, alles wird größer, am Ende gucken wir über die Terrasse hinaus und können nicht daran vorbeisein: Wir wohnen fast im Urwald.

Dass immer neue Pflanzen bei uns im Garten erscheinen, die wir vorher noch nie dort gesehen haben, ist nicht neu: Der Wind und diverse Vögel versorgen uns mit der geballten Artenvielfalt aus den Nachbargärten. Wir mögen das und finden es Jahr für Jahr spannend, welche Triebe, Knospen und Blüten plötzlich vor unserer Nase erscheinen. Diesmal allerdings wird es des Guten manchmal zuviel. Es gibt Stunden, da versuchen wir zumindest noch ein wenig Ordnung in all dem Durcheinander zu schaffen und haben den Eindruck: Während wir einen allzu vorwitzigen Trieb vor uns stutzen, schießen direkt hinter uns drei neue aus der Erde.

"Wie im Gewächshaus" stöhnte neulich ein Besucher an einem besonders heißen Tag, als wir auf der Terrasse plauderten. Ich fürchte, er hatte Recht. Genau dieses feuchtwarme Klima schalten Gewächshaus-Besitzer immer dann ein, wenn sie Pflanzen zu ungebremstem Wachstum animieren wollen. Diesmal hat Mutter Natur sich eingeschaltet und gleich den ganzen Garten und zahllose Grundstücke drumherum in Treibhäuser verwandelt.

Dass wir seit Jahren unsere Flächen nur mit selbstgemachtem Kompost und nie mit gekauftem Kunstdünger versorgen, gefällt den Pflanzen offenbar gut und treibt sie zusätzlich zu Höchstleistungen an. Eigentlich ist es ja ein Erfolgserlebnis für uns, dass jetzt alles grünt und blüht - nur dass wir an einigen Stellen schon nicht mehr über all das Grün gucken können. Auch 2017 dürfte ein Rekordjahr werden, obwohl jetzt noch niemand weiß, was für ein Sommer uns dann erwartet. Wir wissen kaum noch, wo wir all den Strauchschnitt unterbringen sollen. Was daraus am Ende für Kompostmengen werden, daran denken wir noch gar nicht.

Ein Gutes hat der Treibhaus-Sommer am Ende doch: Noch nie zuvor hatten wir derart viele Bienen, Hummeln und andere Insekten zu Besuch bei uns. Die in diesem Jahr mannshohen Lavendelbüsche sind schon am frühen Morgen umschwirrt wie ein Klamotten-Discounter im Sommerschlussverkauf. Und, nur für den Fall, dass sich jemand die Frage stellt: Wir lassen die Tiere in Ruhe und haben bis heute keinen einzigen Stich abbekommen. So gesehen, darf der Treibhaus-Sommer gern noch eine Weile weitergehen. Kalt es wird es schon früh genug wieder.

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