Wie ein Vertrauter unter Fremden

Solche Momente sind sehr selten - und gerade deshalb so kostbar. In einer Menschenmenge, unter lauter Unbekannten ist es möglich, sich spontan nicht nur wohl, sondern irgendwie heimisch zu fühlen. Gleich beim Hereinkommen macht sich dieses Hochgefühl breit und wird stärker. Solche Momente haben wir am Samstag erlebt. Bei einer Messe, die uns zuvor große Rätsel aufgegeben hatte.

Wir, meine bessere Hälfte und ich, hatten uns ohne große Erwartungen auf den Weg nach Essen gemacht. Unser Ziel: die Vegan-Messe, die dort zum ersten Mal und überhaupt zum zweiten Mal stattfand. Was wollt ihr denn da, hatten verwundert etliche Bekannte gefragt - ihr seid doch gar keine Veganer. Stimmt. Doch gerade deshalb waren und sind wir neugierig, gespannt, auf diese unbekannte und doch irgendwie vertraute Welt, die uns da erwarten sollte.

Veganer gelten nach wie vor als winzige Minderheit, ein eingeschworenes Clübchen, das kaum die Chance hat, je zu einem richtigen Club zu werden. So vermuteten wir eine kleine Veranstaltung für Insider, einen Geheimtipp. Und bekamen vor Staunen den Mund kaum wieder zu: In weitem Umkreis um den Veranstaltungsort am Rande der früheren Zeche Zollverein gab es keinen einzigen Parkplatz mehr. Die Schlange vor der Eingangskasse ließ uns vermuten, das Navi hätte uns zur falschen Adresse geführt. Hatte es aber nicht: Die Messe-Hallen waren zum Bersten voll, der Zustrom von Neugierigen wie uns riss den ganzen Tag über nicht ab. So abwegig scheint der Gedanke also doch nicht zu sein, sich mit dem veganen Leben zu beschäftigen.

Gleich am Eingang warfen wir uns gegenseitig selbstkritische Blicke zu. Mit Lederschuhen, Ledergürtel und Wollsocken hatten wir die Befürchtung, deplatziert zu sein, schief beäugt zu werden. Das Gegenteil geschah: Selten sind wir so freundlich und offen empfangen worden - von Fremden, die vom ersten Augenblick an wie Vertraute wirkten. Wie gesagt: Solche Momente erlebt der Mensch nur sehr selten.

Je weiter wir in die Tiefen der kunterbunten Budenstadt vordrangen, desto größer wurde unser Staunen, wurden unsere Augen. In dieser anderen Welt der Leute, die lebende Tiere nicht töten, nicht quälen, nicht ausbeuten wollen, gibt es nichts, was es nicht gibt - vom Döner über die Currywurst bis zum schicken Hemd, zum eleganten Schuh oder zur wärmenden Gesundheits-Unterwäsche. Mit wachsender Begeisterung futterten und probierten wir uns einmal quer durchs Geschehen, wussten am Ende gar nicht mehr, wo wir all das Info-Material und die Probierpäckchen lassen sollten.

Ein außergewöhnlicher Tag, an den wir noch lange denken werden. Und ein Tag, der unser Leben verändern wird - zuallererst den Inhalt unseres Kühlschranks, und demnächst wohl auch mal den unseres Kleiderschranks.

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