Ein Polizeiauto.
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Nach dem Mord nahm die Polizei einen 21-jährigen Marler fest.

Landgericht Essen

Anklage lautet auf Mord und versuchten Mord

  • Thomas Fiekens
    vonThomas Fiekens
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Gut möglich, dass ein 21-jähriger Marler nie wieder frei kommt. Die Anklage am Essener Landgericht ist zugelassen - der Vorwurf lautet Mord und versuchter Mord.

Kurzer Rückblick: Am 9. November wird eine alleinerziehende Mutter bei einem nächtlichen Überfall in ihrer Wohnung an der Rheinstahlstraße 33 mit Messerstichen getötet. Ihr vierjähriger Sohn überlebt die Attacke lebensbedrohlich verletzt, liegt nach Notoperation und maschineller Beatmung über Wochen auf der Intensivstation. Dafür muss sich ab Mai ein Nachbar, ein 21-jähriger Marler, vor dem Landgericht Essen verantworten. Die Frage ist nur, ob er dazu in der Lage ist.

Nach allem, was in Erfahrung zu bringen ist, gibt es bereits gutachterliche Hinweise darauf, dass bei dem 21-Jährigen massive psychische Störungen und intellektuelle Einschränkungen vorliegen. Denkbar, dass das Verfahren in ein Sicherungsverfahren zum Schutz der Allgemeinheit mündet. Wie auch immer: Strafverteidiger Hans Reinhardt aus Marl hat jedenfalls Ende 2020 für seinen Mandanten erreicht, dass er aus der Untersuchungshaft in ein Zentrum für Forensische Psychiatrie überstellt worden ist.

Drei Lebenslinien kreuzen sich

Klar ist, dass sich an jenem Novemberabend kurz vor Mitternacht für nur wenige Minuten drei Lebenslinien mit katastrophalen Folgen kreuzen: Eine Mutter wird mit 27 Jahren getötet. Ein Mensch mit geistiger Behinderung kommt vielleicht nie wieder auf freien Fuß. Ein kleiner Junge wird bereits jetzt absehbar sein Leben lang gezeichnet sein. Wie weit kommt man mit den üblichen Vorstellungen von Gerechtigkeit, Schuld und Sühne in Strafverfahren? Die Mordkommission der Recklinghäuser Polizei, die auch in einem anderen Fall mit Mordversuch ermittelt, und die Staatsanwaltschaft Essen haben auch zum Unfassbaren Ermittlungen angestellt, das ist ihr Job.

So wird ein Vierjähriger im Justizjargon nüchtern als „Geschädigter“ geführt. Tatsächlich erwacht er am Tatabend im Kinderzimmer vom Angriff auf die Mutter nebenan, nachdem der Angeklagte über ein offenes Fenster in die Wohnung eingestiegen sein soll. Als das Kind aufschreit, wird es ebenfalls mit einem Messer attackiert. Die Ermittler befragen Menschen, die nach der Tat mit dem Jungen zu tun haben. Der Vierjährige erleidet klaffende Halswunden, droht zu verbluten. Wegen Bauchstichen müssen Teile des Darms entfernt werden. In einem beidseits unter Tränen geführten Gespräch mit einer Krankenschwester soll der „Geschädigte“ gesagt haben: „Jetzt kann die Mama nicht mehr auf mich aufpassen.“

Förderschüler lebte bei seinen Eltern

Der ehemalige Förderschüler lebt bis zur Tat bei den Eltern, verdingt sich im Gartenbau. Er treibt sich nicht nur real mit schrägen Freunden herum, sondern auch im Internet. Eine Art virtueller Ersatzfamilie soll der 21-Jährige auf „Avakin Life“ gefunden haben. Wer vom Leben überfordert ist, findet in der von Experten wegen Sexualisierungs-Tendenzen heftig kritisierten, lediglich pseudo-heilen Rollenspiel-Welt Anerkennung. Man knüpft schnell „Freundschaften“, stößt – wenn auch nur zu Kommerzzwecken simuliert – auf Anerkennung und „Liebe“. Womöglich klärt das Gericht, welche Rolle das Übertragen der Scheinwelt in die Realität gespielt haben könnte. Der Angeklagte soll behauptet haben, in das Opfer verliebt zu sein. Belege für irgendwelche Kontakte gibt es nicht.

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