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Am Ende bleibt die „Heilige Barbara“ als Erinnerung: Andreas und Nicole Clement.

Andreas Clement würde gerne Bergmann bleiben

Ein Lächeln nach der Schicht

MARL/OER-ERKENSCHWICK - Auguste Victoria (AV) ist die zweite Zeche, deren Ende Andreas Clement hautnah miterleben muss. Im Januar 2018 ist für den Oer-Erkenschwicker dann auch persönlich Schicht am Schacht. Dann wird er 49 Jahre alt und geht in den vorgezogenen Ruhestand. „Ich würde gerne noch als Bergmann weiterarbeiten“, sagt er.

An abbaufähiger Kohle mangelt es im nördlichen Ruhrgebiet nicht. Doch es war der Wille der Politik, dass Ende 2018 die letzte Tonne subventionierter Steinkohle in Deutschland gefördert wird. Andreas Clement hält es für „absolut verkehrt“, sich energiepolitisch vollkommen von anderen Ländern abhängig zu machen. „Und das sage ich nicht nur, weil ich auf der Zeche arbeite.“

Der 46-jährige Oer-Erkenschwicker ist Bergmann mit Leib und Seele. „Er ist immer mit einem Lächeln von der Arbeit nach Hause gekommen“, erzählt seine Frau Nicole (43). Andreas Clement selbst genießt den Zusammenhalt der Kumpel, schätzt die abwechslungsreiche Arbeit unter Tage. „Das ist was anderes, als bei Opel am Fließband zu stehen“, meint er. Wenn die RAG in drei Jahren nicht mehr sein Arbeitgeber sein wird, will er sich nach einem Nebenjob umsehen. Den ganzen Tag zu Hause zu sitzen, das tut nicht gut, sind sich die Eheleute Clement einig.

1986 erfüllte sich der Oer-Erkenschwicker seinen Berufswunsch. Er begann auf General Blumenthal eine Lehre als Bergmechaniker. „Als ich meinen Ausbildungsvertrag unterschrieb, sagte ein Betriebsrat zu mir: Ihr werdet bis zur Rente einen sicheren Arbeitsplatz auf der Zeche haben. Doch ein Jahr später hieß es schon: Das könnte knapp werden.“

Obwohl der Kohleausstieg zu diesem Zeitpunkt noch längst nicht beschlossen war, erlebte Andreas Clement, wie der Bergbau tatsächlich schrumpfte. Als Blumenthal dicht machte, wechselte er im Jahr 2001 zu Auguste Victoria in Marl. Dort kümmert er sich um die Klima- und Wettermessung unter Tage. Wenn AV Ende 2015 schließt, wird das Bergwerk Prosper Haniel in Bottrop seine dritte und letzte Station sein.

Die Familie Clement, zu der auch noch die beiden Söhne Calvin (19) und Jannis (16) gehören, hatte immerhin Glück. Sie brauchte nicht umzuziehen. Alle Arbeitsorte des Familienvaters waren und sind gut von Oer-Erkenschwick aus zu erreichen: der Haard-Schacht im Jammertal, der Haltern-Schacht in der Haard, AV 3/7 in Marl oder demnächst Prosper-Haniel in Bottrop. Viele andere Bergleute, zum Beispiel die aus dem Saarland, mussten hingegen alle Zelte abbrechen, ihr persönliches Umfeld aufgeben, um dem Kohleabbau zu folgen. Doch auch die Clements konnten sich nie ihrer Sache sicher sein. Deswegen verzichteten sie auf den Kauf eines Eigenheims, wohnten lieber zur Miete.

Zum Geburtstag hat sich Andreas Clement eine Statue der „Heiligen Barbara“ gewünscht. Sie ist die Schutzpatronin der Bergleute. „So langsam überkommen meinen Mann sentimentale Gefühle“, verrät Nicole Clement. Dass das Ende von AV näher rückt, spürt Bergmann Clement beinahe täglich. „Ständig verabschieden sich Kollegen“, berichtet er nachdenklich. Doch er ist stolz darauf, was trotzdem auf AV geleistet wird. „Wir holen immer noch mehr Kohle raus als geplant. Und wir werden bis zum letzten Tag unseren Arbeitsauftrag erfüllen“, verspricht er.

è Auf ein Wort

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