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Marls erstes Windrad ist fertig. Unser Bild zeigt noch die Installation der Rotorblätter. Foto: Torsten Janfeld

Kein teures Verfahren riskieren

Rat lehnt Vorrangzone für Windräder ab

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MARL - Der Rat hat sich am Donnerstag mit deutlicher Mehrheit gegen Vorrangzonen entschieden, die Windräder nur an bestimmten Orten zulassen. Nur die CDU wollte eine solche Zone im Arenbergischen Forst prüfen lassen. Nach dem Beschluss hat die Stadt vorerst keine Möglichkeit, einen „Wildwuchs“ von Windrädern zu verhindern.

Der ist aber auch nicht zu erwarten, sagt das Herner Gutachterbüro Bosch & Partner: Mittlerweile sei fast das gesamte Stadtgebiet Tabuzone für Windräder.

Der Rat hatte das Büro mit einer Potenzialflächen-Analyse beauftragt. Ziel war es, Windräder in wenigen „unempfindlichen“ Gebieten zu konzentrieren, um „Wildwuchs“ zu verhindern, der zu Bürgerprotesten wie in Polsum führen kann.

Doch der Gutachter und das Bürgermeisteramt empfehlen, auf Vorrangzonen zu verzichten. Nach der Analyse des Herner Büros ist der Arenbergische Forst mit rund 24 Hektar die einzige mögliche Fläche für eine Vorrangzone mit drei bis fünf Windrädern. Er wird seit 2011 zum Mischwald aufgeforstet, gehört zu zwei Dritteln der Stadt, zu einem Drittel Privateigentümern.

"Nackenschläge" von der Justiz

Die Stadt darf Windenergie nur so weit beschränken, dass ihr „noch genügend Raum gegeben wird“. So lautet ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster. Es hatte 2015 mit dieser Begründung Vorrangzonen in der Nachbarstadt Haltern gekippt – was Politik und Verwaltung dort als Nackenschlag empfanden.

Nach Einschätzung der Marler Stadtverwaltung und einer Anwaltskanzlei würde im Arenbergischen Forst nur 4,75 Prozent des Stadtgebietes und damit zu wenig Fläche für eine Windrad-Konzentrationszone zur Verfügung stehen. Um einem juristischen Nackenschlag wie in Haltern vorzubeugen, müsste die Stadt die Abstände zu Wohngebieten von 800 auf 500 bis 600 Meter verringern, die Konzentrationszone auf 50 Hektar (= zehn Prozent der Stadtfläche) vergrößern. Dann würde Marl die rechtlichen Vorgaben erfüllen – aber im Landschaftsschutzgebiet ökologische Konflikte riskieren. Die Stadt müsste dann rund 100 000 Euro für ein Artenschutzgutachten bezahlen – mit unsicherem Ergebnis. Bei einer Vorrangzone Arenbergischer Forst gebe es außerdem keine weiteren Windrad-Standorte mehr in Marl, betonte Planungsamtsleiter Markus Schaffrath.

„Wer will im Ernst Abstände zu Wohnbauten verringern und ein teures Verfahren riskieren?“, fragte Jens Vogel (SPD) rhetorisch. Er vertraue dem Gutachter und seiner Aussage, dass einzelne Windräder nur noch an wenigen Stellen in Marl möglich sind: im Arenbergischen Forst, auf der Halde Brinkfortsheide und nördlich von Polsum. Als Eigentümer könne die Stadt außerdem selbst bestimmen, was auf ihrem Grundstück, dem Arenbergischen Forst, geschieht.

"Entscheidung zwischen Pest und Cholera"

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Wenzel stellte aber klar, dass seine Partei sich aber bei neuer Sachlage Konzentrationszonen nicht generell verschließe.

Für die CDU war die Abstimmung eine „Entscheidung zwischen Pest und Cholera“, so ihr Vorsitzender Thomas Terhorst. Die Christdemokraten wollten die einzige Einflussmöglichkeit der Stadt auf den Bau von Windrädern nicht aus der Hand geben und eine Windvorrangzone zumindest weiter prüfen lassen. Ratsherr Andreas Kolk (CDU) erinnerte daran, dass Baudezernent Wolfgang Seckler schon vor sechs Jahren behauptet hatte, es könnten nur an drei Orten Windräder gebaut werden: „Damals habe ich das geglaubt und für die Aufhebung von Vorrangzonen gestimmt. Heute habe ich damit erhebliche Bauchschmerzen.“

Was bisher geschah

Die Bürgerinitiative „Polsumer Gegenwind“ kämpft gegen drei geplante Windräder in Polsum. Eines ist schon genehmigt: das Elwea-Windrad an der Buerer Straße. Eine Klage der Initiative dagegen hätte keine aufschiebende Wirkung. Die Investoren können mit dem Bau beginnen. Auch die Gladbecker Gruppe SL Naturenergie und die RAG wollen in Polsum Windräder bauen.

Mittlerweile hat die Kreisverwaltung als zuständige Behörde in Marl sechs Windräder genehmigt, bzw. drehen sich schon: drei auf der Halde Brinkfortsheide, je eines in Frentrop, Sinsen und Polsum. „Entschieden wird immer für die Investoren, gegen die Bürger“, kritisierte Annette Schlering, Initiatorin der Polsumer Initiative Gegenwind. Wigbert Sperling vom Verein für Solar- und Windenergie widersprach ihr im Rat: „Es gibt auch viele Bürger, die in Windrädern eine umweltfreundliche, sinnvolle Form der Stromerzeugung sehen.“

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