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Flüchtlinge und ihre Helfer im Erzählcafe Schacht 1/2

Drei Menschen – drei Schicksale

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MARL - Im Erzählcafé berichten Flüchtlinge von ihrem neuen Leben in Marl.

Verbotene Liebe: Weil Abdul Salin Ghiasi (31) die Frau seines Herzens heiraten wollte, musste er um sein Leben fürchten. Zur Familie der Angebeteten gehörten auch Taliban, die ihn mit dem Tod bedrohten. Sie hatten längst bestimmt, mit wem das Mädchen die Ehe eingehen sollte. Nur mit zwei Koffern und ein bisschen Geld verließ das junge Paar Afghanistans Hauptstadt und flüchtete zunächst nach Pakistan, kam dann über den Iran, die Türkei und Bulgarien irgendwann in Deutschland an. Zwei Monate und 15 Tage dauerte die Flucht. Am 25. September 2014 landeten sie im Auffanglager in Bielefeld.

Heute lebt die Familie mit Söhnchen Mustafa (2) in Marl. Abdul Salin Ghiasi sitzt im Erzählcafé, dem Treffpunkt für Flüchtlinge und Ehrenamtliche am Schacht 1/2 in Hüls, und berichtet. Er hat einen Ausbildungsplatz. In einem kleinen Handwerksbetrieb in Ostbevern lernt er seit August den Beruf des Fliesenlegers. Er hat eine Wohnung und ein Auto, mit dem er täglich zur Arbeit fährt. Sein Sohn wächst zweisprachig auf – mit Deutsch und Dari. „Mustafa spricht schon besser deutsch als meine Muttersprache“, sagt der junge Familienvater.

Auch ihm ist die deutsche Sprache in Fleisch und Blut übergegangen. Seine Ausbildung im Handwerk absolviert der junge Mann mit Bravour. Die Berufsschule bereitet ihm kein Problem. „Er schreibt nur Einsen und Zweien“, berichtet Barbara Knebel. Sie betreut die junge Familie aus Afghanistan und ist begeistert, wie gut sie sich hier integriert hat. „Das ist nicht immer so“, weiß die ehrenamtliche Flüchtlingshelferin. „Marl ist meine kleine Heimat“, sagt Abdul Salin Ghiasi und lächelt.

Jeden Tag neue Aufgaben für die Praktikantin

Im Erzählcafé für Flüchtlinge und Betreuer am Schacht 1/2 in Hüls ist die 16-jährige Alaa Saleh nicht nur zu Besuch. Vier Wochen lang hat sie hier als Praktikantin mitgearbeitet. Dass es so abwechslungsreich ist, sie beinahe jeden Tag andere Aufgaben bekommen hat, das gefällt der Schülerin. 2013 flüchtete sie aus Syrien mit ihrem Vater und zwei Brüdern nach Deutschland. „Es gab Giftgas in Damaskus“, erzählt sie. „Meine Mutter wollte, dass wir gehen.“ Aber das Geld reichte nicht für die ganze Familie. Vater und Kinder gingen nach Ägypten, waren sieben Tage mit dem Boot auf dem Mittelmeer, um nach Europa zu kommen. Elf Jahre war Alaa Saleh damals alt – und am liebsten möchte sie heute gar nicht mehr über ihre Flucht sprechen. Inzwischen sind die Eltern und alle sechs Geschwister wieder vereint. Möchte sie einmal zurück nach Syrien?

Die 16-Jährige zuckt mit den Schultern. „In Syrien haben wir noch Verwandte“, sagt sie. „Hier sind wir allein. Aber mein Vater möchte nicht zurück.“ Er wurde im Krieg schwer verletzt, musste mehrfach operiert werden. In der Schule kommt das Mädchen dagegen gut zurecht. Nach dem Hauptschulabschluss besucht sie jetzt das Hans-Böckler-Berufskolleg mit dem Ziel Fachhochschulreife. Einen konkreten Berufswunsch hat sie noch nicht. Biologie und Chemie sind ihre Lieblingsfächer. „Bei uns hat Alaa sich bewährt. Das Praktikumszeugnis wird auf jeden Fall gut“, sagt Thomas Freck, der städtische Koordinator für ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit. Er kennt die meisten Besucher des Erzählcafés seit Jahren. Den Syrer Mohamad Odeh (27) trifft er hier aber heute zum ersten Mal.

Allein landete der junge Mann im November 2015 als Flüchtling in Marl. Die ersten Monate verbrachte er in der Turnhalle der ehemaligen Wilhelm-Raabe-Schule am Bachackerweg – zusammen mit vielen anderen geflüchteten Männern. „Das war eine schreckliche Zeit“, sagt er rückblickend. „Es gab viele Probleme, auch mit Alkohol und Drogen.“

Arbeiten und eigenes Geld verdienen

Als ausgebildeter Hotel- und Restaurantfachmann fand er schnell eine Möglichkeit, in seinem Beruf zu arbeiten – ab April 2016 zuerst als Praktikant ohne Bezahlung im Hotel Engelsburg in Recklinghausen. Geld verdienen durfte er da noch nicht. Der nächste Schritt war eine Einstiegsqualifizierung. Für eine Ausbildung reichten seine Deutschkenntnisse damals nicht. Mit Unterstützung von Christiane Donath, die beim Bildungszentrum des Handels arbeitet, bemüht er sich jetzt darum, dass sein Berufsabschluss als Restaurantfachmann in Deutschland anerkannt wird. „Ich habe meine Unterlagen im August eingereicht“, sagt er. Bis heute wartet er auf eine Rückmeldung der IHK.

Er arbeitet immer noch im Restaurant. Manchmal hilft er ehrenamtlich als Dolmetscher bei den Flüchtlingstreffen in der Boje in Brassert. Ende Februar endet sein Deutschkurs. Er wünscht sich Perspektiven und sucht Hilfe beim Jobcenter. Doch bislang gibt es keine Angebote für ihn – bis auf eine Qualifizierung, die allerdings stattfindet, wenn er eigentlich im Deutschkurs sitzen muss. Für Mohamad Odeh hat das Leben in Deutschland helle und dunkle Seiten. „Ich liebe mein Team bei der Arbeit und sie lieben mich“, sagt er. „Aber wenn ich durch Marl gehe, fühle ich mich nicht überall wirklich akzeptiert.“

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