Ein Bergmann trägt am 18. Dezember 2015 den symbolischen letzten Kohlebrocken aus dem Förderkorb
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Ein Bergmann trägt am 18. Dezember 2015 den symbolischen letzten Kohlebrocken aus dem Förderkorb.

Rückblick auf Steinkohlebergbau

Abschied vom Bergbau nach über 115 Jahren

  • Michael Wallkötter
    vonMichael Wallkötter
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  • Martina Möller
    Martina Möller
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Auf dem ehemaligen Bergwerksgelände Auguste Victoria 3/7 sind Abrissbagger im Einsatz. Fünf Jahre nachdem die letzte Lore mit Kohle zutage gefördert worden ist, nimmt der erste Abschnitt des neuen Industrie- und Gewerbeparks gate.ruhr Gestalt an.

2022 sollen sich auf gate.ruhr die ersten Betriebe ansiedeln, 1000 Arbeitsplätze für Marl und die Region werden hier entstehen. Stadt Marl und Ruhrkohle AG haben eine Projektgesellschaft ins Leben gerufen, um dieses Ziel zu erreichen. Das alte Verwaltungsgebäude AV 3/7 an der Carl-Duisbergstraße hat bereits eine neue Bestimmung gefunden. Die Stadtverwaltung Marl ist hier eingezogen, während das Rathaus im Stadtkern saniert wird.

Marl: Zeit für einen Rückblick:

„Als das Schellen ertönt, mit dem der Anschläger die Seilfahrt ankündigt, wird es andächtig still am Schacht. Jeder spürt in diesem Moment: Das Ende von Auguste Victoria (AV) ist buchstäblich eingeläutet.“ Mit diesen Sätzen beschrieb unsere Zeitung die Stimmung am Tag der Stilllegung des letzten Bergwerks im Kreis Recklinghausen. Nicht nur Bergleute hatten Tränen in den Augen, als am 18. Dezember 2018 die letzte Lore von unter Tage geholt wurde. Ein Bergmann trug den symbolischen letzten Kohlebrocken, der beim Festakt zum Abschied des Bergbaus an die damalige NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft übergeben wurde. Nach 116 Jahren ging der Bergbau in Marl an diesem Tag offiziell zu Ende.

In der Blütezeit des Bergbaus hatten in Marl mehr als 11.000 Menschen auf AV und mehr als 5000 Kumpel der Zeche Brassert mit dem Bergbau ihr Geld verdient – Zulieferbetriebe nicht eingerechnet. 2001 waren auf dem Marler Bergwerk noch knapp 5300 Bergleute aktiv. Mit 350 Lehrlingen war das Bergwerk Auguste Victoria in Spitzenzeiten einer der großen Ausbildungsbetriebe der Region. Bis kurz vor der Schließung waren auf AV noch 2000 Bergleute beschäftigt.

Die Marler Zeche war die letzte im Kreis Recklinghausen, die ihre Pforten schloss. Viele der Beschäftigten hier hatten bereits Verlegungen von anderen Zechen hinter sich, unter anderem vom Bergwerk General Blumenthal in der Nachbarstadt Recklinghausen. Rund 800 Kumpel traten von Marl aus die Reise zum Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop an. Sie schloss als letzte Zeche der RAG im Dezember 2018 ihre Pforten. 600 Bergleute wechselten in den Ruhestand. Einer von ihnen war Jost Riediger aus Marl-Hamm. Seit 1983 war AV für ihn mehr als ein Arbeitsplatz – ein Stück Zuhause. 2015 ging er mit 49 Jahren in den Vorruhestand. „Ich werde die Kumpel vermissen“, sagt er damals stellvertretend für viele Kollegen im Gespräch mit unserer Zeitung.

Gemessen an den Produktionszielen hatte das Bergwerk AV 3/7 noch 2014 eines seiner besten Jahre hingelegt. Das Produktionsziel wurde um 450.000 Tonnen (17 Prozent) übertroffen. Insgesamt wurden etwas mehr als drei Millionen Tonnen Kohle zutage befördert.

Bereits seit 2007 hatte die RAG den Rückzug des Bergbaus aus Marl und Haltern vorbereitet. Die letzten drei Abbaubetriebe lagen nordöstlich von Marl-Sickingmühle unter dem Wesel-Datteln-Kanal, zwischen den Haltern-Lippramsdorfer Ortsteilen Tannenberg und Eppendorf sowie im Dreieck von B 58 und A 43 unter der Hohen Mark. Dort wurde Kohle in einer Tiefe von bis zu 1350 Meter gewonnen.

So groß wie 126 Fußballfelder

Noch während die Zeche in Betrieb war, begann die Planung für den Strukturwandel auf dem rund 90 Hektar großen Areal. Die Fläche – so groß wie 126 Fußballfelder – soll als Filetstück in dem an freien Industrieflächen armen Land NRW international vermarktet werden. 14,5 Millionen Euro hat das Land bereits als Zuschuss gewährt, um den ersten Teilabschnitt ansiedlungsreif zu machen.

Nachdem die letzte Kohle gefördert war, begannen auf AV rund 600 Bergleute mit dem großen Aufräumen unter Tage. Die letzten Schächte auf den Anlagen 3/7, Schacht 8 in Lippramsdorf und Schacht 9 in der Hohen Mark wurden mit Beton verfüllt.

Dass auf Auguste Victoria 2015 die Lichter ausgingen, war eine politische Entscheidung. Die Bundesregierung beschloss im Jahr 2007 den Ausstieg aus der subventionierten Steinkohleförderung. Die Steinkohle, die für AV in erreichbarer Nähe liegt und theoretisch hätte abgebaut werden können, hätte noch für 390 Jahre gereicht.

Schreiben Sie uns Ihre schönsten Geschichten und Erinnerungen an die Zeit des Bergbaus in Marl:

mzredaktion@medienhaus-bauer.de

Marl: Ein Aderlass für die Region

Die Zechenschließung war ein Aderlass für Marl und den Kreis Recklinghausen. Nach einer Untersuchung der KfW-Bank bedarf es in der mittelständischen Wirtschaft durchschnittlich 145.000 Euro, um einen neuen Arbeitsplatz zu schaffen. Der Rückzug des Steinkohlenbergbaus hinterlässt tiefe Spuren auf dem Arbeitsmarkt, aber auch im Handel und im Handwerk. Laut einer Studie des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsinstituts RWI verschwinden mit jedem Industriejob 1,3 weitere Arbeitsplätze in nachgelagerten Branchen. Der Bergbau hat in den letzten Jahren seines Bestehens allein im Kreis Recklinghausen jährlich Aufträge im Wert von 150 Millionen Euro vergeben.

„Quo vadis?“ Wohin gehst du? So lautete 2015 die Überschrift des jährlichen ökumenischen Solidaritätsgottesdienstes in der Marler Pauluskirche – zwischen Traurigkeit und Aufbruch. „Wir gehen hoffnungsvoll in die Zukunft“, betonte die damalige Superintendentin des evangelischen Kirchenkreises, Katrin Göckenjan. Die Zeche ist Geschichte, der Strukturwandel hat begonnen.

Auch im Marler Stadtbild sind die Erinnerungen an den Bergbau stets präsent: Viele Straßennamen haben hier ihren Ursprung.

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