Hilfe für Co-Abhängige

Marl: Alkohol und sonst nichts mehr - wie die Sucht ihres Mannes das Leben einer Marlerin fast zerstörte

  • Martina Möller
    vonMartina Möller
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Eine junge Marlerin leidet, weil ihr Mann zusehends dem Alkohol verfällt. Trotzdem hält sie lange zu ihm. Sei versucht, seine Sucht vor der Welt zu verbergen. Am Ende ist sie es, die Hilfe braucht.

Die Geschichte beginnt, als die heute 38-jährige Anna gerade frisch verheiratet ist. Lange hält sie es neben ihrem alkoholkranken Ehemann aus, deckte ihn vor der Familie, Freunden, Kollegen. Zu Hause versucht sie ihn von seiner Sucht wegzubringen, kippt Alkohol in den Ausguss und hält seine Zerstörungswut und seine Schläge aus.

Erst in der Selbsthilfegruppe für co-abhängige Angehörige des Suchthilfeverbands Blaues Kreuz in Marl kann sie über all das sprechen. Auch nach vier Jahren wird sie noch von schwersten Schuldgefühle geplagt. Erst die Gruppe habe ihr wieder Halt gegeben, sagt sie heute. „Man steht nicht mehr alleine da.“

Es hat lange gedauert, bis sie sich getraut hat, die Telefonnummer der Angehörigengruppe für Familien und Freunde von Abhängigen beim Blauen Kreuz zu wählen. Ein Arzt in der Tagesklinik hatte ihr dringend dazu geraten. Zu diesem Zeitpunkt musste Anna W. verkraften, dass ihr Mann an seiner Alkoholsucht gestorben war, vier Tage nachdem sie sich von ihm getrennt hatte und er auf polizeiliche Anordnung die gemeinsame Wohnung verlassen musste.

Die 38-Jährige hat sich lange Zeit nicht als Co-Abhängige gesehen. Zuerst hatte sie gar nicht bemerkt, dass er regelmäßig zu viel Alkohol trank. „Ich war den ganzen Tag unterwegs, habe gearbeitet und nebenbei auch noch studiert. Wenn ich nach Hause kam, lag er meistens schon im Bett und schlief.“ Das kam der jungen Frau nach einiger Zeit seltsam vor, nahm im Schlafzimmer auch ständig Alkoholgeruch wahr. Dann entdeckte sie die Flaschen. Der Alkohol war überall: Auf dem Schrank, unter dem Schrank, im Badezimmer ...

Für ihn sei das alles halb so wild gewesen, erinnert sie sich. „Er hat gar nicht versucht, seine Sucht zu verstecken. Aber ich habe niemanden davon erzählt.“ Auch nicht, als er sie schlug, weil sie Alkohol in den Ausguss kippte, als er ihre Kleidung zerriss oder das Mobiliar zertrümmerte. Anna W. war verzweifelt, blieb aber bei ihm. „Ich hätte mir vorher nie vorstellen können, dass ich einmal so ein Leben führe. Ich habe mich so geschämt“, sagt die 38-Jährige rückblickend.

Als er arbeitslos wurde, musste sie Bankkarte und Bargeld in Sicherheit bringen, damit er nicht alles für seine Sucht ausgab. Sie entsorgte sogar die Pfandflaschen, damit kein Geld für Alkohol im Haus war. Von der Familie und ihren Freunden zog sie sich mehr und mehr zurück. „Ich musste immer lügen“, erzählt sie.

„Keiner weiß Bescheid“, habe Anna W. damals noch gedacht. Doch als sie ihren Eltern eröffnete, sie werde sich scheiden lassen, war die Reaktion Erleichterung. „Sie hatten es längst geahnt.“

Birgit Hachtmann kennt Geschichten wie diese nicht nur aus Erzählungen anderer. Die Marlerin leitet die Angehörigengruppe beim Blauen Kreuz, die sie 2014 zusammen mit Karola Wohlfahrt gegründet hat. Sie war selbst betroffen, hat lange ihren alkoholkranken Mann gedeckt, damit niemand von seiner Sucht erfährt. „Angehörige sind oft 24 Stunden am Tag mit dem Suchtproblem des Anderen beschäftigt. Sie neigen dazu, den Betroffenen auf Schritt und Tritt zu kontrollieren und sein Fehlverhalten mit erfundenen Ausreden zu entschuldigen. Sie merken nicht, dass sie die Sucht damit nur verstärken“, so die Leiterin heute.

Erkenntnis ist bitter, aber notwendig

Die Erkenntnis, dass Hilfe erst möglich ist, wenn der Betroffene es zulässt, ist bitter, aber notwendig, weiß die Marlerin. Auch die Erfahrung, wie lange es dauern kann, ehe Angehörige realisieren, dass sie Unterstützung brauchen, hat Birgit Hachtmann selbst gemacht.

Anna W. bekam nach dem Tod ihres Mannes Angstzustände und Depressionen, die sie bis heute nicht überwunden hat. Sie ging in die Reha, anschließend in eine Tagesklinik. „Aber da konnte ich mich nicht öffnen“, sagt sie. Das gelang ihr erst in der Angehörigengruppe beim Blauen Kreuz. „Es ist das Beste, was mir passieren konnte. Die Gruppe gibt mir Kraft“, sagt sie. Hier traut sie sich, über ihre Ängste zu sprechen und über das Gefühl, dass ihr Mann immer noch Macht über ihr Leben hat. Alle zwei Wochen trifft sich die Gruppe. „Bei uns muss niemand reden, wenn er nicht will. Aber das kommt meistens von ganz allein“, ergänzt Birgit Hachtmann. Für die Gruppe gilt ein striktes Schweigegebot. Alles, was geredet wird, bleibt in dem kleinen Kreis.

Mittlerweile plant Anna W. ihr neues Leben. Eine Umschulung steht an. Die 38-Jährige will auch beim Landesverband Blaues Kreuz eine Schulung „Angehörige helfen Angehörigen“ machen. Bei der Frage, warum sie die Sucht ihres Mannes so lange ertragen hat, muss sie keine Sekunde überlegen: „Man glaubt immer, er hört auf.“ Birgit Hachtmann nickt. Diesen Satz hat sie schon oft gehört.

Rubriklistenbild: © Jens Büttner

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