Lucas Kurth testet den Marler Stadtkern auf Rollstuhltauglichkeit.
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Lucas Kurth testet den Marler Stadtkern auf Rollstuhltauglichkeit.

Betriebshof handelt

Mit dem Rollstuhl durch Marl - Problemlos oder unmöglich?

  • Heinz-Peter Mohr
    vonHeinz-Peter Mohr
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Kommen Menschen mit Handicap problemlos durch die Stadt? Wir haben den Test gemacht und unseren Leserinnen und Lesern diese Frage gestellt.

Update, 23. Oktober: Jetzt hat der Zentrale Betriebshof auf dem Schotterweg an der Otto-Wels-Straße die Oberfläche erneuert, eine Sandschicht aufgebracht und die Ränder bearbeitet, damit Regenwasser gut abfließen kann. „Das war aber seit Monaten geplant“ – darauf legt Stadtsprecher Rainer Kohl Wert. Das Problem sei der Stadt seit längerem bekannt. Dass der Betriebshof unmittelbar nach unserem Bericht den Weg erneuert hat, sei also „reiner Zufall“.

Update, 21. Oktober: Gleich fünf Seniorinnen aus Hüls riefen unsere Redaktion an und beklagen den schlechten Zustand des Schotterwegs von der Otto-Wels-Straße bis zu Kaufland. Mit dem Rollator bleiben sie dort in Schlaglöchern oder im Schlamm stecken. Der Weg sei holperig, voller Steine und nach Regengüssen verschlammt.

Einer Dame sind bereits zwei Rollatoren kaputtgegangen. Auch Ursula Stutz (84) aus Hüls hat Probleme mit Steinen: „Da sind die Schrauben an meinem Scooter schnell locker.“ - „Viele Seniorinnen hier sind gehbehindert und mit dem Rollator oder Rollstuhl unterwegs“, sagt Elke Stech (79): „Wir sind alle der Auffassung, dass der Weg asphaltiert werden sollte.“

Rollstuhl-Tour durch Marl beginnt am Medienhaus Bauer

Unsere bisherige Berichterstattung: Journalismus-Student Lucas Kurth (23) ist seit seiner Kindheit im Rollstuhl unterwegs – und sehr mobil. Wenn jemand mit dem Rollstuhl in Marl gut zurechtkommt, dann er. Der junge Mann will etwas erleben, fährt zu Konzerten und Festivals, interviewt für unsere Jugendseite Scenario Comedians, Musiker und Stars wie Joko und Klaas. Lucas Kurth reiste nach Kanada und in mehrere Länder Europas. Für ihn ist ein Handicap kein Grund, sich einzuschränken. Wenn er an Hürden scheitert, dann werden auch andere daran scheitern, dachten wir – und baten ihn, die Stadt Marl auf ihre Barrierefreiheit zu testen.

Unsere Tour beginnt im Medienhaus Bauer. Auf der Kampstraße achtet Lucas Kurth gleich auf Schlaglöcher und abgesenkte Bordsteine. Mit dem kleinen Laufrad, das seinen Rollstuhl in der Spur hält, will er nirgends stecken bleiben: „Das gibt jedes Mal einen richtigen Schlag und irgendwann verziehen sich die Achsen.“ Sind Bürgersteige voller Glasscherben, ist der Reifen schnell platt. Das passiert alle vier Monate, erzählt Lucas Kurth. Aber als wir in Marl unterwegs sind, war gerade der Reinigungswagen unterwegs. Glasscherben sind nirgends zu sehen.

Durch Marl mit dem Leichtbaurollstuhl

Lucas Kurth fährt in einem leichten, keine acht Kilo schweren Rollstuhl, der beweglich und auf ihn angepasst ist. Die Räder schiebt der junge Mann mit reiner Muskelkraft. Fahrradhandschuhe sorgen dafür, dass er sich nicht verletzt, die Hände nicht allzu schmutzig macht. Lucas Kurth fährt flott. „Wenn ich Gas gebe, schaffe ich sieben km/h“, sagt der 23-Jährige. Davon sind wir überzeugt.

Auf die Straße weicht Lucas Kurth so gut wie nie aus: „Wenn ein Autofahrer mich nicht sieht, ist klar, wer dann gewinnt.“ Deshalb ist es so wichtig, dass alle Gehwege in Ordnung sind. Im Marler Stadtkern, wo es viele Wege für Fußgänger gibt, fühlt sich der Rollifahrer sicher. Wir passieren den Eduard-Weitsch-Weg und das Grimme-Institut. Hier führen zwar Treppen zum Portal. Aber Lucas Kurth entdeckt den barrierefreien Hintereingang. Er ist über eine – allerdings steile – Rampe zu erreichen.

Rillen auf Marler Parkplatz wirken wie eine Bremse

Schwierig wird es für den jungen Studenten auf dem Türmchen-Parkplatz: Hier muss er mit Schwung über eine Bordsteinkante fahren. Die Rillen auf dem Parkplatz bremsen ihn aus und schütteln ihn durch wie Kopfsteinpflaster.

Eine echte Aufgabe ist für Lucas Kurth die Rampe zum Haupteingang des Rathauses: „Ich finde sie zu steil. Erst recht mit schwerem Gepäck. Das allein zu schaffen, ist eine Herausforderung.“ Er meistert sie ohne Hilfe, muss dabei aber den Rollstuhl wenden, um bremsen und nicht zurückzurollen. „Senioren, die nicht so bei Kräften sind und keinen E-Rolli haben, schaffen das nicht“, kommentiert der junge Mann – auch mit Blick auf die Kanten an den Steinplatten. „Und wenn es hier frostet, wird die Rampe zur Rutschpiste.“ Stadtsprecher Rainer Kohl weist auf einen zweiten barrierefreien Eingang auf dem Parkplatz an Turm I hin. Von dort gelangt man mit dem Fahrstuhl ins Rathaus.

Fotostrecke: Im Rollstuhl durch den Stadtkern von Marl

Lucas Kurth (23) ist seit seiner Kindheit im Rollstuhl unterwegs. Mit ihm haben wir getestet, wie gut Menschen mit Handicap in Marl zurechtkommen und an welchen Stellen es noch hapert.
Lucas Kurth (23) ist seit seiner Kindheit im Rollstuhl unterwegs. Mit ihm haben wir getestet, wie gut Menschen mit Handicap in Marl zurechtkommen und an welchen Stellen es noch hapert. © Heinz-Peter Mohr
Lucas Kurth (23) ist seit seiner Kindheit im Rollstuhl unterwegs. Mit ihm haben wir getestet, wie gut Menschen mit Handicap in Marl zurechtkommen und an welchen Stellen es noch hapert.
Lucas Kurth (23) ist seit seiner Kindheit im Rollstuhl unterwegs. Mit ihm haben wir getestet, wie gut Menschen mit Handicap in Marl zurechtkommen und an welchen Stellen es noch hapert. © Heinz-Peter Mohr
Wie gut kommen Menschen mit Handicap durch die Stadt? Um das herauszufinden, haben wir mit Lucas Kurth (23) den Test gemacht und ihn auf seiner Tour in die City begleitet.
Wie gut kommen Menschen mit Handicap durch die Stadt? Um das herauszufinden, haben wir mit Lucas Kurth (23) den Test gemacht und ihn auf seiner Tour in die City begleitet. © Heinz-Peter Mohr
Wie gut kommen Menschen mit Handicap durch die Stadt? Um das herauszufinden, haben wir mit Lucas Kurth (23) den Test gemacht und ihn auf seiner Tour in die City begleitet.
Wie gut kommen Menschen mit Handicap durch die Stadt? Um das herauszufinden, haben wir mit Lucas Kurth (23) den Test gemacht und ihn auf seiner Tour in die City begleitet. © Heinz-Peter Mohr
Wie gut kommen Menschen mit Handicap durch die Stadt? Um das herauszufinden, haben wir mit Lucas Kurth (23) den Test gemacht und ihn auf seiner Tour in die City begleitet.
Wie gut kommen Menschen mit Handicap durch die Stadt? Um das herauszufinden, haben wir mit Lucas Kurth (23) den Test gemacht und ihn auf seiner Tour in die City begleitet. © Heinz-Peter Mohr
Lucas Kurth (23) ist seit seiner Kindheit im Rollstuhl unterwegs. Mit ihm haben wir getestet, wie gut Menschen mit Handicap in Marl zurechtkommen und an welchen Stellen es noch hapert.
Lucas Kurth (23) ist seit seiner Kindheit im Rollstuhl unterwegs. Mit ihm haben wir getestet, wie gut Menschen mit Handicap in Marl zurechtkommen und an welchen Stellen es noch hapert. © Heinz-Peter Mohr
Lucas Kurth (23) ist seit seiner Kindheit im Rollstuhl unterwegs. Mit ihm haben wir getestet, wie gut Menschen mit Handicap in Marl zurechtkommen und an welchen Stellen es noch hapert.
Lucas Kurth (23) ist seit seiner Kindheit im Rollstuhl unterwegs. Mit ihm haben wir getestet, wie gut Menschen mit Handicap in Marl zurechtkommen und an welchen Stellen es noch hapert. © Heinz-Peter Mohr
Lucas Kurth (23) ist seit seiner Kindheit im Rollstuhl unterwegs. Mit ihm haben wir getestet, wie gut Menschen mit Handicap in Marl zurechtkommen und an welchen Stellen es noch hapert.
Lucas Kurth (23) ist seit seiner Kindheit im Rollstuhl unterwegs. Mit ihm haben wir getestet, wie gut Menschen mit Handicap in Marl zurechtkommen und an welchen Stellen es noch hapert. © Heinz-Peter Mohr
Lucas Kurth (23) ist seit seiner Kindheit im Rollstuhl unterwegs. Mit ihm haben wir getestet, wie gut Menschen mit Handicap in Marl zurechtkommen und an welchen Stellen es noch hapert.
Lucas Kurth (23) ist seit seiner Kindheit im Rollstuhl unterwegs. Mit ihm haben wir getestet, wie gut Menschen mit Handicap in Marl zurechtkommen und an welchen Stellen es noch hapert. © Heinz-Peter Mohr
Lucas Kurth (23) ist seit seiner Kindheit im Rollstuhl unterwegs. Mit ihm haben wir getestet, wie gut Menschen mit Handicap in Marl zurechtkommen und an welchen Stellen es noch hapert.
Lucas Kurth (23) ist seit seiner Kindheit im Rollstuhl unterwegs. Mit ihm haben wir getestet, wie gut Menschen mit Handicap in Marl zurechtkommen und an welchen Stellen es noch hapert. © Heinz-Peter Mohr
Lucas Kurth (23) ist seit seiner Kindheit im Rollstuhl unterwegs. Mit ihm haben wir getestet, wie gut Menschen mit Handicap in Marl zurechtkommen und an welchen Stellen es noch hapert.
Lucas Kurth (23) ist seit seiner Kindheit im Rollstuhl unterwegs. Mit ihm haben wir getestet, wie gut Menschen mit Handicap in Marl zurechtkommen und an welchen Stellen es noch hapert. © Heinz-Peter Mohr
In den engen Aufzug am Skulpturenmuseum passt der Rollstuhl kaum hinein.
In den engen Aufzug am Skulpturenmuseum passt der Rollstuhl kaum hinein. © Heinz-Peter Mohr
Am Busbahnhof trifft Lucas Kurth Verkehrsplaner Udo Lutz – und nutzt die Chance, ihm zu erklären, wo es an der Barrierefreiheit in Marl hapert.
Am Busbahnhof trifft Lucas Kurth Verkehrsplaner Udo Lutz – und nutzt die Chance, ihm zu erklären, wo es an der Barrierefreiheit in Marl hapert. © Heinz-Peter Mohr
Die Rampe zum Rathaus erklimmt Lucas Kurth nur mit Mühe. Weil sie zu steil ist, dreht er den Rollstuhl und fährt rückwärts hoch.
Die Rampe zum Rathaus erklimmt Lucas Kurth nur mit Mühe. Weil sie zu steil ist, dreht er den Rollstuhl und fährt rückwärts hoch. © Heinz-Peter Mohr
Eine Falle für jedes Laufrad sind die Unebenheiten am Türmchen-Parkplatz.
Eine Falle für jedes Laufrad sind die Unebenheiten am Türmchen-Parkplatz. © Heinz-Peter Mohr
Gesamtnote: Daumen hoch. Lucas Kurth hat mit uns getestet, wie rollstuhlgerecht die Stadt ist.
Gesamtnote: Daumen hoch. Lucas Kurth hat mit uns getestet, wie rollstuhlgerecht die Stadt ist. © Heinz-Peter Mohr

Die nahe gelegene Tür zum Skulpturenmuseum zieht Lucas Kurth selbst auf, schwingt sich in den Ausstellungsraum hinein. Sogar in den extrem engen Aufzug passt er gerade noch mit seinem Rolli: „Erst mal probiere ich alles selbst. Das ist mein eigener Ansporn.“ Kommt er mal nicht weiter, fragt er Leute in der Nähe: „Als Rollstuhlfahrer solltest du nicht auf den Mund gefallen sein.“ Im barrierefreien Einkaufszentrum Marler Stern erreicht Lucas Kurth alle Geschäfte komfortabel. Bis auf den Geldautomaten der Volksbank, dort muss er sich anstrengen, um den Touch Screen zu erreichen.

Problemlos kommt der junge Rollstuhlfahrer in den Aufzug am Bahnhof Marl-Mitte, für den Marler jahrzehntelang kämpften. Am Busbahnhof wollen wir zum Medienhaus Bauer zurückfahren. Seit 2011 setzt die Vestische hier wie überall in Marl absenkbare Niederflurbusse ein. Trotzdem kann Lucas Kurth nicht in die Linie 223 einsteigen. Drei Kinderwagen versperren ihm den Weg. „Im Winter passiert das häufiger“, erzählt der junge Mann: „Wenn ich eine Prüfung schreibe, nehme ich immer einen Bus früher.“

Lucas Kurths Fazit:

Der Marler Stadtkern ist für Rollstuhlfahrer gut erreichbar. An manchen Ecken gibt es noch Verbesserungsbedarf. Positiv bewertet Lucas Kurth den Zustand der Gehwege und Bürgersteige, den Zugang zu öffentlichen Gebäuden, die Barrierefreiheit der Haltestellen sowie die Zahl der Behindertentoiletten im Stadtkern. Nicht so gut bewertet der Student dagegen das Niveau der Bordsteine.

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