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Lilia Vishnevetska fühlte sich als Jüdin in Marl bisher immer sicher.

Angst im Blut

Warum der Terroranschlag in Halle eine Jüdin aus Marl tief erschüttert hat

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Der Terroranschlag auf eine Synagoge in Halle hat Lilia Vishnevetska tief erschüttert – denn eigentlich fühlt sich die Jüdin im Alltag in Marl sicher. 

Lilia Vishnevetska lebt seit 23 Jahren in Marl. Dass die 60-jährige Jüdin ist, fällt im Alltag kaum jemandem auf. Die quirlige Frau kleidet sich normal, trägt äußerlich nichts, was auf ihren Glauben hindeutet. Auch deshalb fühlt sie sich vielleicht in Marl sicher. Nach dem Attentat auf eine jüdische Gemeinde in Halle in der vergangenen Woche ist sie tief erschüttert: "Wenn so etwas in Deutschland möglich ist, kann das natürlich auch hier in Marl möglich sein."

In der Ukraine musste Religion geheim gelebt werden

Lilia Vishnevetska wurde in der Ukraine geboren, hat die deutsche Staatsangehörigkeit. Unter den strengen Regeln des Kommunismus wurde sie groß.  „Religion gab es im öffentlichen Leben nicht. Man hatte an religiösen Symbolen das, was die Großeltern besaßen und weitergaben. Aber über Religion sprach man nicht auf der Straße, hielt geheim, an was man glaubte“, erinnert sich die 60-Jährige. 

Nicht alles wurde in Marl besser: Die Angst blieb

Als sie in Marl heimisch wurde, änderte sich nicht alles automatisch. „Die Angst wegen meiner Religion verfolgt zu werden, habe ich genetisch bedingt im Blut. Ich fühle sie sogar mit meiner Haut. Daher bin ich auch immer persönlich betroffen, wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert und Menschen wegen ihres Glaubens sterben müssen“, sagt Lilia Vishnevetska. 

Mulmiges Gefühl bei Synagogen-Besuch

Die alltägliche Unbeschwertheit endet dann, wenn es um den Besuch der Synagoge in Recklinghausen geht. Ein ungutes Gefühl, dass hier vielleicht etwas passieren könnte, schwinge immer mit. „Dass direkt nebenan die Polizei ist, macht mir mein Herz aber leichter“, beschreibt Lilia Vishnevetska. 

Herrenloser Koffer sorgte für Aufregung

Vor Jahren sorgte ein herrenloser Koffer in der Synagoge für Aufregung. Die Angst zur Zielscheibe für einen antisemitischen Angriffe geworden zu sein, sei damals groß gewesen. Spezialteams der Polizei seien gekommen und hätten den Koffer untersucht. Der Inhalt: gut erhaltene Kleidung. „Wahrscheinlich wollte jemand etwas Gutes tun und hat vor dem Sozialbüro, das auch im Haus der Synagoge ist, einen Koffer mit Altkleidern abgestellt.

Abrahamsfest in Marl hat hohe Bedeutung

Lilia Vishnevetska kämpft dafür, dass Menschen unterschiedlicher Religionen in Marl nicht nur friedlich nebeneinander, sondern vor allem gemeinsam miteinander leben. Sie ist eine der drei Sprecherinnen des 19. Abrahamsfestes, ist von Anfang an dabei.  „Wie wichtig das Abrahamsfest für mich ist, kann ich eigentlich gar nicht in Worte fassen. Wir erreichen so viele Menschen, das Ganze ist wie ein Schneeball, der wächst. Erst haben unsere Kinder mitgemacht, jetzt sind es unsere Enkel.“ 

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