Bestatter freigesprochen

Tote lag im falschen Sarg

MARL - Der Vorwurf der Anklage wog schwer: Ein Bestatter aus Marl soll vor der Verbrennung des Leichnams einen hochwertigen Sarg gegen ein preiswertes Exemplar ausgetauscht haben, um sich an dem Gewinn zu bereichern. Wegen Betruges musste sich der Bestatter, der den Vorwurf von Anfang an bestritt, nun vor der Strafrichterin des Amtsgerichts verantworten.

Wenn sich Hildegard Sommer, die den Bestatter wegen Betruges bei der Polizei anzeigte, an die Bestattung ihrer im Januar 2013 verstorbenen Mutter erinnert, bekommt sie noch immer Herzklopfen. Noch am Sterbebett hatte die 63-jährige Frau mit ihrer sehr gläubigen Mutter alle Details besprochen und anschließend auch einen entsprechenden Sarg ausgesucht. Kosten sollte er 2 800 Euro, behauptet Hildegard Sommer. In Rechnung gestellt wurden ihr später aber nur 1 450 Euro. Warum es zu dieser Differenz kam, wurde im Prozess nicht festgestellt.

Fest stand am Ende nur eines, und daran hatte auch Richterin Dr. Nicola Brand nach der Vernehmung mehrerer Zeugen nicht den geringsten Zweifel: Vor der Verbrennung lag die Verstorbene nicht mehr in dem Sarg, den die Tochter zuvor für ihre Mutter ausgesucht hatte. Hildegard Sommer: „Das war nicht der gesegnete Sarg, in dem meine Mutter im Bruder-Jordan-Haus und später auch im Trauerraum des Bestatters gelegen hat.“

Den ersten Verdacht, dass es sich um einen anderen Sarg handeln könnte, hegte Hildegard Sommer, als sie sich im Krematorium von ihrer verstorbenen Mutter verabschieden wollte. „Ich ließ den Sarg noch einmal öffnen, weil ich den Rosenkranz, den ich ihr aus Lourdes mitgebracht und um ihre gefalteten Hände gelegt hatte, rausnehmen wollte. Ich wollte den Rosenkranz als Urnenbeigabe, doch er war nicht mehr da. Auch die Hände meiner Mutter waren nicht mehr gefaltet.“ Der Rosenkranz sei beim Bestatter gewesen. Sie habe ihn wieder zurückbekommen.

"Ein Verbrenner aus Weichholz"

„Recht grob“ konnte sich der Sohn des Krematorium-Betreibers an den Sarg erinnern, der am 6. Februar 2013 von einem Fahrer des Beerdigungsinstitutes zur Verbrennung gebracht wurde. „Ich hatte Frühschicht. Als ich um sechs Uhr anfing, stand der Fahrer mit dem Sarg schon da.“ Nach seiner Erinnerung sei es „einfacher Sarg“ gewesen, „farbig lasiert – ein Verbrenner aus Weichholz ohne Besonderheiten“, gab der 39-jährige Mann aus Olfen im Zeugenstand zu Protokoll.

Letztlich gelang es den Prozessbeteiligten nicht, den Weg des Sarges nachzuvollziehen und zweifelsfrei zu klären, durch welche Hände er gegangen ist. Beteiligte gab es viele. Theoretisch hätten auch die Mitarbeiter des Beerdigungsinstitutes und des Krematoriums die Gelegenheit gehabt, den Sarg auszutauschen.

Für die Familie der Verstorbenen sei es nachvollziehbar eine unglückliche Situation. Doch letztlich blieben so große Zweifel übrig, dass es für einen Schuldspruch gegen den bislang vollkommen unbescholtenen Angeklagten nicht ausreiche, sagte Richterin Dr. Brand. Wie auch vom Staatsanwalt gefordert, sprach sie den Bestatter auf Kosten der Landeskasse frei.

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