Erfolge mit schwer Erziehbaren

In Kirgistan soziale Regeln lernen

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MARL - Schwer erziehbaren Jugendlichen den Neuanfang ermöglichen – das ist Ziel der Auslandshilfen, mit denen die Stadt seit zehn Jahren gute Erfahrungen macht. Doch Skandale um Bereicherung und undurchsichtige Praktiken bei Jugendämtern in Gelsenkirchen und Dorsten warfen Fragen auf. Die Familienberater und Erzieher der GmbH Open Door (= Offene Tür), dem Partner der Stadt Marl, distanzieren sich davon. Sie stellten jetzt öffentlich ihre Arbeit vor.

Im Ausschuss für Jugendhilfe standen sie Rede und Antwort. Bürger sowie Vertreter aus Politik, Kirche und Verbänden nutzten intensiv die Chance, Fragen zu stellen. Dabei distanzierten sich Politiker aller Fraktionen mit scharfen Worten von einer Anfrage der Bündnisgrünen, die Open Door als „Briefkastenfirma“ diffamierten.

Seit zehn Jahren lässt das Jugendamt Jugendliche, die in kriminelle Karrieren abzurutschen drohen und früher weggesperrt worden wären, intensiv von Familien im Ausland begleiten. Bisher wurden 32 Jugendliche betreut, meist ein bis zwei Jahre. Open Door setzt Pädagogen mit langjähriger Berufserfahrung ein. Zurzeit sind elf Jungs und sechs junge Mädchen aus Marl in Polen, Irland, Bulgarien und Dörfern Kirgistans. Die Betreuer zeigen den Jugendlichen ihre Stärken. Deutschsprachige Lehrerinnen bereiten sie auf die Schule vor. Bei Bedarf werden Kinder- und Jugendtherapeuten hinzugezogen. Alle Betreuer arbeiten mit dem Jugendamt und den Sorgeberechtigten zusammen.

Selbstvertrauen in der Wildnis erfahren

Vor allem das Leben in Dörfern Kirgistans empfänden die fünf Marler Jugendlichen dort als Abenteuer, sagt Open-Door-Gründer Bernhard Graf (68): Die jungen Menschen besorgen das Essen, kochen, waschen Wäsche, halten Ordnung im Haus, arbeiten auf dem Acker. Fußball und Reiten, aber auch Angeln in abgelegenen Seen, Ausflüge ins Gebirge und die Wildnis tragen dazu bei, dass Jugendliche ihre Stärken entdecken und Selbstvertrauen entwickeln. Im Ausland können sie sich nicht mit ihrer Clique treffen, laufen nicht Gefahr, in die alten Muster zurückzufallen. Marls Sozialer Dienst kontrolliere regelmäßig vor Ort, auch in Kirgistan so Jugendamtsleiter Volker Mittmann.

"Jugendliche nicht in Gefahr"

Das Auswärtige Amt hat am Donnerstag noch einmal Sicherheitshinweise gegeben und bei Reisen innerhalb Kirgisistans zu Vorsicht geraten. Im Süden des Landes könne es zu Spannungen und Auseinandersetzungen kommen.

Die fünf schwer erziehbaren Marler Jugendlichen, die in Kirgistan intensiv von Pädagogen betreut werden, seien nicht in Gefahr, betont Bernhard Graf, Gründer der Betreuungsfirma Open Door, auf Nachfrage unserer Zeitung. Die Jugendlichen seien zwar im Süden untergebracht, aber in Dörfern und am Rand von Dörfern – Hunderte Kilometer von den kritischen Regionen entfernt, ergänzt Bernhard Graf. Er selbst sei mehr als 50 Mal in Kirgistan gewesen: „Die Jugendlichen gehen auch nicht ohne ihre Betreuer in einen Ort.“

Nach seinen Angaben war die Auslandshilfe in 20 der 32 Fälle erfolgreich: Das jeweilige Ziel wurde erreicht – zum Beispiel, dass der Jugendliche eine Lehre aufnimmt, wieder zur Schule geht. Das sei eine „außergewöhnliche Erfolgsquote“. Zudem habe die Firma mit einem Tagespflegesatz im Ausland von 138,36 € ein gutes Preis-Leistungsverhältnis: „Andere Anbieter nehmen das Doppelte.“

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