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Anwohner Ulrich Strausberg (l.) warnt vor einer Erweiterung der Ferkelzucht in Frentrop. Auch die Anlieger Clemens Mecking (2. v. l.), Jens Rädel (2. v. r.) und Bärbel Bonner meldeten Bedenken an.

Experten sehen keine Risiken

Anwohner warnen vor Ferkelzucht

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MARL - Der Ton war höflich, doch in der Sache wurde scharf diskutiert: Anlieger, Naturschützer und Gegner der Ferkelzucht auf dem Hof von Landwirt Hermann Leineweber brachten gestern im Kreishaus ihre Einwände vor.

Dreieinhalb Stunden sprachen sie mit Gutachtern, Behörden-Vertretern und dem Landwirt selbst über Artenschutz und Gülle, Gestank und Planungsrecht. Ulrich Strausbach (68) aus dem Riegefeld, bemängelte bereits den Erörterungstermin: „Um 10 Uhr müssen die meisten Leute ihrem Beruf nachgehen – das ist nicht bürgerfreundlich.“ Wie berichtet, will Hermann Leineweber seinen Hof am Markenweg vergrößern, von Schweinemast auf -zucht umstellen: Statt 100 Sauen und 880 Mastschweinen sollen 620 Sauen und 3 900 Ferkel im umgebauten Stall stehen. Die Ferkel will Hermann Leineweber zum Mästen weiterverkaufen. Unter dem neuen Stall will er einen 7 722 Kubikmeter großen „Güllekeller“ bauen, Urin und Kot in Betonwannen auffangen. Um auf der sicheren Seite zu sein, gab der Landwirt sechs Gutachten in Auftrag. Dr. Gisela Nolte von der Firma Ökon gab einen Überblick: Weder in Luft und Grundwasser noch beim Arten- oder Tierschutz gebe es erhebliche Nachteile für die Umwelt. Ulrich Strausbach zweifelt daran, verlangt ein Gegengutachten. Dass es nur eine „zweifelhafte“, vom Landwirt bezahlte Expertise gebe, habe „ein Geschmäckle“. Hans-Jürgen Goerß, Leiter der Unteren Emissionsschutzbehörde, wies das zurück: Die Gutachter seien anerkannte Sachverständige, es gebe keinen Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit. Ludger Vortmann, Anwohner und Sprecher des BUND Westliches Vest, kritisierte, die Anwohner, die schon unter Gerüchen der Biogasanlage von Saria litten, fühlten sich veräppelt. Nun werde ein neuer Konfliktherd heraufbeschworen. Die Massenhaltung von Tieren sei „nicht mehr zeitgemäß“. Hans-Jürgen Goerß betonte, die Kreisverwaltung bewerte keine Vorhaben, sondern prüfe sie: „Wenn jemand Schweine beantragt, sage ich nicht: Ich hätte gern Tofu.“ Dann ging es ins Detail: Wird der Artenschutz missachtet? Claudia Baitinger und Ludger Vortmann vom BUND haben kürzlich noch den Weißstorch nahe dem Hof gesehen. Er werde weder gefährdet noch gestört, versichert Gutachterin Heike Kalfhues: Die nahen Wiesen seien für den Storch keine wesentliche Ruhe- oder Nahrungsstätte. Nimmt der Lärm zu? Den Gutachtern zufolge wird sich der landwirtschaftliche Verkehr zum Hof Leineweber um 44 Prozent erhöhen – das sind durchschnittlich drei Fahrten pro Tag. Die Anwohner beruhigt das nicht: „Der Lärm der Trecker ist schon jetzt beängstigend“, sagt Bärbel Bonner. Gelangen mehr Schadstoffe in die Luft? Wenn es stinkt, werde der Landwirt mit dem Finger auf Saria zeigen und Saria auf den Landwirt, warnt Ulrich Strausbach. Hans-Jürgen Goerß schließt das aus: Die Gerüche könnten unterschieden werden, das sei unstrittig. Wegen möglicher Ammoniak-Emissionen muss der Landwirt 700 m² neuen Wald als Ausgleich pflanzen. Auf Drängen der Kreisverwaltung will er einen zertifizierten Abluftfilter (Wäscher) anschaffen. Hierdurch sollen sich die Emissionen gegenüber heute sogar vermindern. Gibt es Risiken durch Antibiotika? Dem Kreisveterinär sind keine Hinweise auf erhöhte Risiken durch Keime und Resistenzen in der Umgebung von Schweinezucht-Betrieben bekannt. Landwirte seien verpflichtet, verwendete Antibiotika in eine Datenbank einzugeben. Hermann Leineweber gehöre nicht zu den 20 Landwirten, die am meisten Antibiotika einsetzen. Wirkt sich der Einsatz von Gülle auf das Grundwasser aus? Anwohner und Naturschützer warnen, dass mit Gülle und Nitrat verunreinigtes Wasser über den Rennbach und Weierbach in die Lippe fließt. Die Landwirtschaftskammer überwacht den Einsatz von Gülle, sieht keine unzulässige Belastung durch die Frentroper Ferkelzucht. Landwirte müssen ihr Aufzeichnungen über die verwendete Güllemenge vorlegen, die Behörde nimmt Stichproben. Falls Bürger den Eindruck haben, dass etwas schief läuft, sollten sie dies anzeigen, Telefon 0 25 41 – 91 00. Weshalb lagert der Landwirt mehr Gülle als anfällt? Hermann Leineweber sagt, er wolle flexibel sein, weil die Preise im Frühjahr niedrig, im Herbst hoch sind. Auf keinen Fall werde es einen Gülle-Tourismus zu seinem Hof geben, verspricht er den Anwohnern. Er verstehe ihre Ängste und Sorgen. Doch aus seiner Sicht hätten die Behörden und Gutachter sie widerlegt.

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