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Dreharbeiten auf der Halde Hoheward in Herten. Andreas Schmidt richtet die Kamera auf das Zechengelände Ewald.

Filmemacher zurück in der Heimat

Deutschland vor Hitler

MARL - Zuletzt war Christoph Schmidt 2017 im Pott. Damals erhielt der gebürtige Hertener den Grimme-Preis. Jetzt war der 61-Jährige zu Dreharbeiten und Recherchen für sein neues Filmprojekt erneut in seiner alten Heimat.

Geboren in Herten, Laufen gelernt in Hochlar und aufgewachsen in Marl: Andreas Christoph Schmidt darf man getrost ein Ruhrgebietskind nennen. Seit 1988 lebt der Autor, Regisseur und Produzent mit seiner Familie in Berlin. Das Ruhrgebiet spielt eine zentrale Rolle in Schmidts neuer Dokumentation, in der es sich um „Deutschland vor Hitler“ (so der mögliche Filmtitel) dreht. Der Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920, wesentlich gravierender aber noch die Ruhrbesetzung durch Franzosen und Belgier von Anfang 1923 bis Mitte 1925 erschütterten die junge Weimarer Republik.

Im März und April 1920, als die Rote Ruhrarmee auf der einen und Reichswehr und Freikorps auf der anderen Seite für Bürgerkriegszustände sorgten, gab es zwischen Ruhr und Lippe auch im heutigen Kreis Recklinghausen zahlreiche Opfer. Zeugnis davon gibt heute noch beispielsweise das sogenannte Spartakistengrab in der Haard bei Hamm-Bossendorf, in dem 34 Tote bestattet sind – Angehörige der Ruhrarmee, aber auch unbeteiligte Kanalarbeiter. „Ehe ich begann, an diesem Film zu arbeiten, hatte ich keinen Schimmer, dass meine alte Heimat im engsten Sinne, Marl, Haltern, Hamm-Bossendorf, im Jahr 1920 ein bedeutender Schauplatz des gnadenlos geführten Bürgerkriegs war“, sagt Schmidt. Und weiter: „Die Gewaltbereitschaft, welche die junge Republik damals an den Rand des Abgrunds brachte, ist erschreckend, und man wird sehr nachdenklich, wenn man das Herbstlaub von dem verwitterten Stein eines fast vergessenen Massengrabs wischt.“

Auch beim Dreh von der Halde Hoheward in Herten aus zeigte sich der Filmemacher beeindruckt: „Hier gibt es überall so viel Wald. Ich werde den Leuten vom Sender wohl glaubhaft machen müssen, dass das tatsächlich Aufnahmen vom Ruhrgebiet sind.“ Die Dreharbeiten führten Schmidt auch nach Duisburg und Essen, wo die Franzosen ab 1923 vor allem wichtige Gebäude wie Rathäuser und Gerichte besetzt hatten. Viele der historischen Stätten ließen sich aber auch trotz vorhandener Archivaufnahmen nicht mehr auffinden. Der Autor über seinen neuen Film: „Die Weimarer Republik, die erste deutsche Demokratie, wird bedauerlicherweise immerzu von ihrem Ende her beurteilt, von Hitler. Musste es denn so kommen? War die Demokratie zum Scheitern verurteilt? Im Kern sei sie an ihren Staatsbürgern gescheitert, den Deutschen, heißt es hin und wieder. Die seien ‚nicht reif‘ gewesen für die Demokratie.

Ist es nicht anmaßend, wenn wir heute, die wir in einen Rechtsstaat geboren wurden, so auf die Menschen damals, die sich völlig neu orientieren mussten, herabblicken? „Weimar war ein unerhörter Neuanfang, ein Aufbruch, man darf ihn nicht von seinem Scheitern her beurteilen. Und diese ‚Nicht-Demokraten‘ darf man nicht nach ihren Irrtümern richten. Sie legten unter größten Schwierigkeiten und Entbehrungen das Fundament, auf dem nach 1945 aufgebaut werden konnte.“

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