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Mit diesen Anzeigen warb Bodo Borchert für die Konzerte und Filmaufnahmen im Metropol an der Bergstraße. Fotos von der Metro selbst sind leider Mangelware

Freizeit

Go Go Metropol – Marler Szenetreffpunkt

Marl - Die Metro, einst als zweites der früher zahlreichen Marler Kinos gebaut, wurde als Diskothek und Konzertarena zum Magneten für die Jugend der Region – Eintritt fünf deutsche Mark, Verzehr inklusive.

Wer über die 1960er- und 1970er- Jahre in Marl spricht, kommt nicht daran vorbei: Go Go Metropol – oder die Metro – war der Szenetreffpunkt nicht nur für heimische Teenager. Selbst in einem Club in Amsterdam kannte man die Marler Metro, berichtet der damalige Betreiber Bodo Borchert (70). „Ich kam darum umsonst rein“, erzählt er schmunzelnd. Die Metro, einst als zweites der früher zahlreichen Marler Kinos gebaut, wurde als Diskothek und Konzertarena zum Magneten für die Jugend der Region – Eintritt fünf deutsche Mark, Verzehr inklusive.

An der Tür wachte „Chappi“ darüber, wer rein- und rauskam. Draußen gab es Pommes vom Wagen und den Stand von Tom Klatt aus Recklinghausen mit den neusten Vinylscheiben, drinnen die aktuellste Mode aus London – und jede Menge Bands. Zur großen Metro-Familie gehörte auch Lebenskünstler Dra, mit bürgerlichem Namen Wolfgang Kowalski, heute 69. Er heuerte als Kellner und Filmvorführer an, kontrollierte.

„Zur Eröffnung spielten die Rattles und es tanzten die Original Go Go Go Girls aus dem Fernsehen“, erzählt er. Die Hardrocker von Nazareth traten an der Bergstraße auf. Auch die Scorpions rockten das Metropol. Sie waren sogar zweimal da. „500 Mark haben die damals genommen, sie waren ja noch ganz am Anfang“, so Bodo Borchert. Nazareth wollten dagegen so viel, dass er acht Mark Eintritt von den Gästen kassierte. „Da blieb die Bude leer“, sagt er noch heute mit einem kleinen Seufzer. Die Rattles, in den 1960er Jahren eine der angesagtesten Beatbands, gaben mehrmals Konzerte in der Marler Metro.

Birth Control mit Hugo Egon Balder, Camel, Inga Rumpf und Elkie Brooks – sie alle waren oder wurden Stars der deutschen Musikszene und traten als junge Künstler im Go Go Metropol auf. 400 Besucher passten offiziell ins Metropol. „An guten Tagen war es voller“, kann Bodo Borchert heute zugeben. Freitags und samstags wurden zwei Filme gezeigt.

Jungunternehmer in Sachen Jugendkultur

Bodo Borchert war damals junger Student, den Wehrdienst hatte er gerade hinter sich. Seine Familie betrieb das ehemalige zweitälteste Marler Kino an der Bergstraße als Filmtanzbar, bevor Sohn Bodo als Jungunternehmer in Sachen Jugendkultur einstieg. Überall im Land war Bodo Borchert unterwegs, um Bands für die Metro zu engagieren. Seine Hausband „Join in“ kam jedoch aus Marl. „Die musste ich nicht bezahlen, weil sie bei mir proben durften“, erzählt er.

Wechselnde DJs legten auf, wenn keine Band in der Metro war, zum Beispiel Mac aus dem Royal in Gelsenkirchen – und manchmal auch Bodo Borchert selbst. In Sachen Werbung war der Marler schon damals findig. Seine Anzeigen erschienen nicht nur in der Marler Zeitung, sie hingen auch über den Pissoirs in den Waschräumen der Diskothek – „in Augenhöhe“.

Lieblingsgetränk vieler Gäste, die Flasche zu fünf Mark, war ein Wein mit dem schönen Namen „Insel Samos“, „ein süßer Treppenschmeißer“, so rückblickend seine Qualitätsbeschreibung. Zum Getränkesortiment gehörte auch Milch – fünf bis sechs Liter wanderten am Abend über den Tresen, das Glas zu einer Mark. Selbst das Personal des Metropol ist legendär. Fußballlehrer Peter Neururer hat hier gekellnert, auch Gregor Behrens, später Fachleiter der insel, verdiente sich hier in seiner Jugend ein paar Mark.

Besonders war das Metropol auch wegen seiner besonderen Leinwand-Effekte. Entweder liefen zur Musik Filme. Oder Bodo Borchert ließ sich etwas einfallen, um mittels Filmstreifen, Dias, Bier, Öl und Wasser brodelnde Bilder zu produzieren. Selbst Profis fragten: Wie hast du das gemacht? Seine eigentlich ganz einfachen Rezepte verriet Bodo Borchert nicht.

Von Amts wegen musste das Metropol später schließen. „Vorübergehend wegen Renovierung geschlossen“ stand 1974 völlig überraschende an der Tür“, erzählt Wolfgang Kowalski. Geöffnet wurde das Metropol nicht mehr. Für eine ganze Generation von Jugendlichen war es wie ein Zuhause in turbulenten Zeiten. Ob lange Haare, Lederjacke oder nicht – hier durfte jeder so kommen, wie er war.

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