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Helga Bönisch musste nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Sudetenland fliehen. Die 85-Jeahrige hat kein Verstaendnis, dass manch Deutscher den aktuellen Fluechtlingen mit Hass begegnet.

Helga Bönisch erinnert sich

Als Deutsche in Deutschland unerwünscht

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MARL - Die aktuellen Bilder von Chemnitz erinnern Helga Bönisch an ihr eigenes Flüchtlingsschicksal. Als sie 1945 Deutschland erreichte, gab es statt eines „Hallo“ Ablehnung. Der Grund: ihr Akzent.

Helga Bönisch hält kurz inne: „Alles kommt wieder hoch.“ Die Bilder von Deutschen, die gegen Flüchtlinge hetzen, sind ihr vertraut. Vor 73 Jahren war sie nicht gewollt.

Erinnerungen an die alte Heimat Niederhof im Riesengebirge hängen an der Wohnzimmerwand der 85-Jährigen. Die Großeltern sind zu sehen, ebenso das Elternhaus. „Es war eine schöne Kindheit“, sagt Bönisch. Sie ist Deutsche, obwohl sie in der damaligen Tschechoslowakei geboren wurde. Die 85-Jährige stammt aus dem Sudetenland. „Nach dem Ersten Weltkrieg ging das Gebiet an die frühere Tschechoslowakei. Wir hatten aber einen Sonderstatus“, erinnert sie sich.

Familie muss das Haus verlassen

1945 endet ihre Kindheit – mit zwölf Jahren. Bis zur Kapitulation hat Helga Bönisch vom Zweiten Weltkrieg in ihrer Heimat wenig mitbekommen. An einem Tag kurz nach Kriegsende ändert sich für sie, ihren Vater, ihre Mutter und den 15-jährigen Bruder alles. „Binnen zwei Stunden mussten wir raus aus unserem Haus“, erzählt sie. Das sei eine Anordnung der Tschechoslowaken gewesen. „Die trugen deutsche Uniformen, hatten nur die Embleme abgerissen und durchsuchten unser Haus.“ In diesem Augenblick sieht Helga Bönisch ihren Vater für die kommenden vier Jahre zum letzten Mal. „Die Männer hielten meinem Vater eine Waffe an den Kopf und brachten ihn in ein Gefängnis in Valdice.“ Eigentlich habe der Haftbefehl dem Nachbarn gegolten. „Der hieß wie mein Vater. Es war eine Verwechslung.“ Nach der Haftentlassung 1949 lebt Helga Bönischs Vater noch ein Jahr.

Während ihr Papa einsitzt, müssen Helga Bönisch, ihr Bruder und ihre Mutter das Land verlassen. „Ein Lkw brachte uns in ein ehemaliges Reichsarbeitslager nach Hohenelbe. Von da aus fuhren wir in Kohlenwagen bis nach Reichenberg, wo sie uns filzten.“ Der Koffer sei sofort weg gewesen. „Aber als Erstes nahmen sie uns ein Glas Butter weg, das meine Mutter zu Hause abgefüllt hatte.“

An der Grenze bei Zwickau ist Schluss. „Die Brücken waren gesprengt. Wir mussten aussteigen und die Böschung herunter. Dann waren meine Mutter, mein Bruder und ich in Deutschland.“

"Wir mussten betteln"

Sie haben keine Lebensmittelkarten und lediglich 200 Reichsmark. Das entspricht heute rund 57 Euro. „Wir mussten betteln. Wissen Sie, wie erniedrigend das ist?“ Helga Bönisch atmet tief ein. „Die Leute hatten selber nichts. Dennoch waren einige hilfsbereit und gaben uns Essen.“

Nicht jeder ist so nett: „Wir sahen aus wie Deutsche, hatten aber einen Akzent.“ Dieser Unterschied reicht aus, um die Familie zu beleidigen, so die Marlerin. „Wir verstanden, wenn uns Leute sagten, dass wir Hottentotten dahin zurücksollen, wo wir hergekommen sind.“ In Eislingen kommen sie nach einiger Zeit unter. „Die Einwohner mussten uns aufnehmen.“ Helga Bönisch bleibt aber nicht lange. Vor Gründung der DDR verlässt sie den sowjetischen Sektor und kommt über Umwege nach Marl.

Über den heute wieder vorhandenen Hass manches Deutschen gegenüber Flüchtlingen sagt sie: „Ich denke, dass die Menschen Angst vor Fremden haben. Flüchtlinge können froh sein, wenn sie nicht verstehen, was ihnen Leute entgegen brüllen. Ich habe alles verstanden.“

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