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Nach Jahren wieder ein unbeschwerter Familienausflug: Die Alattars besuchten Verwandte in Heilbronn.

Interview mit Flüchtlingsfamilie

Endlich ohne Angst und in Sicherheit – keine Selbstverständlichkeit

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Marl - Kinder haben ein Recht auf Schutz im Krieg und auf der Flucht. Das haben Shaza und ihre Geschwister aus Syrien jahrelang anders erlebt. Ein sicheres Zuhause ist für sie keine Selbstverständlichkeit.

Als die Erinnerung kommt, versagt Shaza (18) die Stimme. Unter Tränen rückt sie auf dem Sofa ganz eng an ihre Mutter Maha heran. 2013 musste die heute 18 Jahre alte Schülerin mit ihrer ganzen Familie aus Syrien flüchten.

Vater Kamaleddin Alattar hatte dort als Schneider in einem kleinen Ort nahe der Hauptstadt Damaskus seinen eigenen kleinen Betrieb. „Schon seit 2012 konnten die Kinder nicht mehr zur Schule gehen“, berichtet er. „Sie waren täglich in Gefahr.“ Kameleddin selbst wurde bei einer Kundgebung gegen das Regime von Präsident Assad verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Er wurde gefoltert. Nach 15 Tagen kam er wieder frei. „Wir lebten ständig in Angst“, sagt er.

Im März 2013 beschloss er mit seiner Familie, das Land zu verlassen. Mit Ehefrau Maha (heute 43), seinen Töchtern Shaza, Dana (10) und seinen Söhnen Omar (17) und Hamzeh (12) vertraute er sich Schleppern an, die sie nach Deutschland bringen sollten. Doch die Flucht endete in Ägypten. „Das war die schlimmste Zeit“, sagt Shaza leise.

Familie war auf Lebensmittelspenden angewiesen

Die Familie lebte illegal in einem Keller in Kairo. Sie war auf Lebensmittelspenden vom UN-Flüchtlingshilfswerk angewiesen, um zu überleben. „Auf der Straße waren die Kinder nicht sicher“, sagt der Vater. Es gab immer wieder Berichte über junge Menschen, die verschleppt und für illegale Organspenden missbraucht wurden. Auch hier war für die Kinder kein Schulbesuch möglich. So gut es ging, wurden sie privat von Freiwilligen unterrichtet. Vater Kamaleddin verdiente als Schneider wenigstens ein bisschen zum Lebensunterhalt dazu.

Nach einem Jahr beschloss er, sich zunächst allein auf den Weg nach Deutschland zu machen – und seine Familie dann nachzuholen. Für alle fünf reichte das Geld nicht. Am 15. September 2015 kam er in München an. Es dauerte zwei Jahre und vier Monate, bis die vier Kinder den Vater wiedersahen und in Deutschland in Sicherheit waren.

Es kostet Shaza und ihre Geschwister Überwindung, über die Flucht und Zeit als illegale Flüchtlinge in Kairo zu sprechen. Auch die Mutter bricht bei diesem Gespräch in Tränen aus. Der zwölfjährige Hamzeh sitzt nur da und hört zu, wenn es um die Jahre voller Angst und existenzieller Not geht. Er besucht inzwischen die Katholische Hauptschule in Hamm.

Shaza ist in der Flüchtlingsklasse des Hans-Böckler-Berufskollegs

„Seine Leistungen sind toll“, sagt Gabriele Wiese-Kowalczyk, die die Familie als ehrenamtliche Flüchtlingshelferin unterstützt. Doch die schlimmen Erlebnisse im Krieg in Syrien und auf der Flucht haben den Jungen und seine Geschwister schwer gezeichnet. Hamzeh ist still, oft müde. Nach einer Weile hat ihn auch das Interview mit unserer Zeitung so angestrengt, dass ihn seine Mutter zu Bett bringt. Er bekommt jetzt Hilfe bei „Refugio“, dem psychosozialen Zentrum in Münster, das Beratungs- und Therapieangebot für traumatisierte Flüchtlinge macht.

Kinderrechte

Die UN-Kinderrechtskonvention soll die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen weltweit verbessern. Sie gilt in Deutschland seit 1992 . Bei Entscheidungen von Politik, Verwaltung und Rechtssprechung werden Rechte der Kinder und Jugendlichen aber noch viel zu wenig berücksichtigt, kritisiert der Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks Thomas Krüger. Der Kinderschutzbund hat aus der UN-Konvention zehn Kinderrechte abgeleitet: -Das Recht auf Freizeit, Sport und Spiel -... auf Würde und Privatsphäre -... Bildung und Kultur -... Gleichheit und Chancengleichheit -... Schutz vor Misshandlung/Vernachlässigung -... Information, eine eigene Meinung, Beteiligung -... Kontakt mit beiden Elternteilen -... Gewaltfreie Erziehung -... Fürsorge, Ernährung, Gesundheit und saubere Umwelt.

Shaza ist in der Flüchtlingsklasse des Hans-Böckler-Berufskollegs. Ihre Perspektive: Der Hauptschulabschluss und hoffentlich der Führerschein. Sie will ein ganz normaler Teenager sein und wünscht sich mehr Freundinnen. Kontakt zu Deutschen hat sie noch sehr wenig. In der Mädchengruppe der Frauenberatungsstelle findet sie ein bisschen Zerstreuung. „Die Zeit wird helfen“, hofft Gabriele Wiese-Kowalczyk.

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