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Weil sie bei ihren Eltern nicht sicher sind, muss das Jugendamt Kinder vermehrt aus Familien nehmen.

Kinder in Notsituationen

Wenn das Zuhause nicht mehr sicher ist

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MARL - Geeignete Heimplätze und Pflegefamilien zu finden wird für das Jugendamt immer schwieriger und teurer.

Wenn der Bereitschaftsdienst des Jugendamtes von der Feuerwehr kontaktiert wird, heißt das nichts Gutes. Im Gegenteil. Dann haben Kinder häufig psychische oder physische Gewalt erfahren, sind in einer absoluten Notlage. Von jetzt auf gleich müssen diese Kinder untergebracht werden. Aber auch im Alltag müssen Jugendamtsmitarbeiter das tun: Kinder aus ihren Familien holen. „Das ist das letzte Mittel, denn eigentlich versuchen wir so wenig wie möglich in Familienrechte einzugreifen“, erklärt Jugendamtsleiter Volker Mittmann. Sozialdezernentin Claudia Schwidrik-Grebe deutet es so: „Es ist das letzte Mittel, aber aus Kindersicht das beste.“

Dass Jugendamtsmitarbeiter Kinder immer häufiger aus ihren Familien nehmen müssen, verdeutlicht der Blick auf die Fallzahlen im Bereich der Vollzeitpflege: Anfang 2018 waren es 112 Fälle, Ende 2018 127 Fälle. „Auch landesweit steigen die Zahlen“, ordnet Claudia Schwidrik-Grebe ein. In Marl passierte im letzten Jahr daher zweierlei: Statt der veranschlagten 1,3 Millionen Euro musste die Stadt zum einen ca. 1,84 Millionen Euro für die Unterbringung in der Vollzeitpflege ausgeben. Zum anderen ergibt sich ein Dilemma, das immer noch akut ist (die Fallzahl ist bis Ende März 2019 nur gering auf 123 gesunken). Für den Pflegekinderdienst des Jugendamtes wird es immer schwieriger, Pflegefamilien zu finden, die Kinder aufnehmen können. Sie müssen dann auf Pflegestellen feier Träger zurückgreifen, die meistens teurer sind. „Oft müssen wir ja nicht nur ein Kind unterbringen, sondern gleich drei bis fünf Kinder – je nachdem, wie viele Geschwister es gibt“, verdeutlicht Volker Mittmann.

Kinder unter sechs Jahren kommen in akuten Notsituationen möglichst nicht in Heime, sondern in Bereitschaftspflegefamilien. Derzeit sind 18 Kinder in 14 Bereitschaftspflegefamilien untergebracht. „Dort bleiben sie oft erst einmal einige Monate. Das Gericht muss entscheiden, ob es wieder zurück in die Herkunftsfamilie geht oder die Kinder dauerhaft in Pflegefamilien untergebracht werden müssen“, erzählt Volker Mittmann. Mit 84 Pflegefamilien arbeitet das Jugendamt aktuell zusammen (zusätzlich zu den Bereitschaftspflegefamilien).

Nur noch zwei Jugendliche im Ausland

Auch für die Heimunterbringung von älteren Kindern und Jugendlichen musste die Stadtverwaltung mit 8,2 Millionen Euro im vergangenen Jahr mehr zahlen als zuvor. Das hat mehrere Gründe. Die Fallzahl an sich ist über das Jahr 2018 von 157 im Januar nur gering auf 165 Fälle im Dezember angestiegen. Ähnlich wie bei den Pflegefamilien ist es so, dass in Heimen und Wohngruppen auch Plätze knapp sind. „Gibt es freie Plätze, heißt es nicht, dass sie geeignet sind. Man muss den Trägern gegenüber sehr ehrlich sein und ein Kind so genau wie möglich beschreiben, damit es auch in die Einrichtung oder Gruppe passt“, sagt Volker Mittmann und nennt ein Beispiel: „Ist ein Kind besonders verschüchtert, wird es natürlich nicht bei sehr aggressiven Kindern untergebracht.“

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