Polizisten schütteln mit Kopf

Bewährung nach Körperverletzung

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MARL - Selten zuvor war der Saal A des Schöffengerichts so sicher wie am Freitag. Mehr als ein Dutzend Polizeibeamte saßen im Zuschauerraum, um einen ihrer Kollegen moralisch zu unterstützen. Der 25-jährige Beamte war am 29. März beim Versuch, einen Flüchtigen am Marler Stern festzunehmen, schwer verletzt worden.

Der Beamte, der vom Fluchtfahrzeug des Angeklagten 20 Meter mitgeschleift wurde, erlitt eine Gehirnblutung, mehrere Brüche im Gesicht, Schürfwunden und eine Platzwunde am Auge. Er lag sechs Tage im Krankenhaus, davon einen Tag lang auf der Intensivstation, und war acht Wochen dienstunfähig. Mittlerweile geht es dem jungen Beamten wieder besser. Ursprünglich wurde wegen versuchten Totschlags ermittelt. Doch das Landgericht kam zu einer anderen rechtlichen Würdigung und gab das Verfahren an das Schöffengericht ab. Dort musste sich ein 23-jähriger Marler nun wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, gefährlicher Körperverletzung und Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte verantworten. Auch der Angeklagte, der sechs Wochen im Untersuchungsgefängnis saß, war nicht allein. An seiner Seite saßen der Essener Strafverteidiger Wolfgang Zeitler und im Zuschauerraum zehn Familienmitglieder des polizeibekannten Angeklagten, der am Tattag wegen einer zweijährigen Jugendstrafe noch unter Bewährung stand.

Wegen eines Streits mit der Ex-Freundin hatten Polizeibeamte den Angeklagten bereits am Nachmittag aufgefordert, sich seiner Ex-Freundin nicht zu nähern. Kurz danach trafen beide dann doch zusammen – rein zufällig, wie der Angeklagte angab. Die Ex-Freundin verständigte erneut die Polizei. Als der 25-jährige Polizeibeamte und sein Kollege den Angeklagten am Kaufland-Parkdeck stellten, eskalierte der Fall. Als der Angeklagte hörte, dass er festgenommen werden solle, sei bei ihm die Sicherung durchgebrannt.

"Das war eine Kurzschlusshandlung"

Dann sei er weggelaufen. Die Verfolgungsjagd endete zunächst auf einem Grünstreifen kurz vor dem Kreisverkehr. Doch obwohl der Beamte Pfefferspray einsetzte, gelang es dem Angeklagten, in das Auto eines herbeigeeilten Verwandten zu springen. Der Polizeibeamte wollte den Flüchtigen aus dem Auto zerren, was ihm aber nicht gelang. Der Angeklagte fuhr los und schleifte den Beamten mit. „Das war eine Kurzschlusshandlung“, befand Verteidiger Wolfgang Zeitler.

Die entscheidende Frage in dem Prozess lautete: Hat der Angeklagte das Auto als Waffe eingesetzt, um den Polizeibeamten damit vorsätzlich zu verletzten? Dafür hatten am Ende sowohl der Staatsanwalt als auch das Gericht keine ausreichenden Hinweise. Das Urteil, ein Jahr und vier Monate, lautete auf vorsätzliche Körperverletzung in Tateinheit mit Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Dass das Gericht dem 23-Jährigen noch einmal Bewährung und eine allerletzte Chance gab, quittierten einige der im Saal anwesenden Polizisten mit Kopfschütteln. Als Bewährungsauflage verordnete das Gericht dem Angeklagten außerdem 150 Sozialstunden und die Teilnahme an einem Antigewalttraining.

Rubriklistenbild: © Foto: Andreas Wegener

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