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Die Stadt widmet den Kinderrechten ein Aktionsjahr.

Die Unsicherheit nimmt zu

Familienhebammen berichten aus ihrem Alltag

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MARL - 2019 ist das Jahr der Kinderrechte. Jeden Monat stellen wir mit dem Kinderschutzbund Marl einen Artikel vor. In diesem Artikel geht es um das Recht auf gesunde Entwicklung und Ernährung – wie Hebammen junge Familien unterstützen.

Wenn abends noch nach 21 Uhr dass Telefon klingelt und eine verzweifelte Stimme seufzt „Ich kann nicht mehr!“, setzt sich Angelika Ruppig nicht selten ins Auto und fährt los – mal zu einer alleinerziehenden Mutter, mal zu einer kinderreichen Familie, die sie betreut. „Ich weiß ja erst einmal nicht, was hinter einem Anruf steckt“, erklärt die Familienhebamme. Dann kann schon ein kurzes Gespräch, eine helfende Geste ausreichen, um die akute Krisensituation vor Ort schnell wieder zu entschärfen. „Aber manchmal bleibt auch der Eindruck, dieser Familie müsste ich 24 Stunden am Tag zur Seite stehen.“ Die Familienhebammen Angelika Ruppig, Josefa Große-Ophoff und Annette Pollerberg unterstützen in Marl Familien mit Neugeborenen. Sie sind noch da, wenn die Zeit der von den Krankenkassen bezahlten Hebammenbetreuung zu Ende ist. Bis zu einem Jahr bleiben sie an der Seite der jungen Eltern und ihrer Babys. Über das Marler Kindernetz MarleKiN veranstalten sie in den Stadtteilen Elterncafés, Krabbelgruppen und mehr. Regelmäßig bieten sie Sprechstunden an. Unterstützung in belastenden Situationen nennt sich all das, was die drei Frauen für Familien in Marl tun. „Wichtig ist, dass diese Angebote kostenlos sind, damit sie auch von allen genutzt werden können“, sagt Josefa Große-Ophoff.

„Die Unsicherheit bei Müttern hat zugenommen“

Trotzdem bleibt das Gefühl, dass das alles nicht reicht. Aus ihren Beratungen wissen die Hebammen, wie schnell aus kleinen Alltagsproblemen große Sorgen und Verzweiflung werden können: Was ziehe ich dem Kind an? Wie muss es schlafen? Ist ein Produkt gut für Kinder, wenn es draufsteht? Warum schreit mein Kind mehr als andere? „Die Unsicherheit bei Müttern hat zugenommen“, das beobachtet Josefa Große-Ophoff, die seit vielen Jahren als Familienhebamme im Einsatz ist, in jüngerer Vergangenheit immer häufiger. „Die Lebenswelt von Kindern hat sich extrem verändert“, ergänzt Angelika Ruppig. Medizinisch ist die sogenannte Wochenbettbetreuung – Fragen zum Stillen, Füttern, Nabelpflege – in der Regel in wenigen Wochen abgearbeitet, erklären die Hebammen. „Die eigentlichen Probleme beginnen erst später“, sagt Angelika Ruppig. Der neue Alltag mit dem Kind stellt viele Eltern vor Herausforderungen, die sie allein nicht bewältigen. „Wir sehen uns als Lotsen, die darauf hinweisen, wo es in schwierigen Situationen Hilfe gibt und dass es klug ist, frühzeitig Hilfen in Anspruch zu nehmen“, so Josefa Große-Ophoff. Sie nennt die Schreiambulanz als ein Beispiel: „Wenn das Kind nicht zur Ruhe kommt, und es ist nicht zu erklären warum, ist das die richtige Adresse. Oft finden betroffene Mütter aber erst sehr spät den Weg.“ Dass kleine Probleme zum Alltag gehören, können manche Mütter nur schwer akzeptieren. Der Austausch mit anderen hilft, das als Normalität hinzunehmen. „Krabbelgruppen tun gut“, so Josefa Große-Ophoff. Die großen Probleme dagegen erfordern von den Profis oft schnelles Handeln. Wieder kommt ein Anruf. Da gibt es eine junge Mutter, das dritte Kind ist geboren, aber sie hat keine Hebamme, die sich jetzt um sie kümmert. Dann steigt Angelika Ruppig wieder ins Auto.

Das Marler Kinder Netz - MarleKiN kümmert sich vorrangig um Schwangere und Familien mit Säuglingen und kleinen Kindern unter drei Jahren. Zu MarleKiN gehören 29 Kooperationspartner. Sie wollen Familien frühzeitig informieren und bei Bedarf Hilfen anbieten. Neben dem Kinderschutznetz wurden die „Frühen Hilfen“ aufgebaut. Alle Neugeborenen bekommen Besuch von Fachkräften des Jugendamtes angeboten. In den Stadtteilen werden Mütter-und Elterncafés , FuN-Baby-Kurse und Mini-Clubs angeboten. Es gibt Sprechstunden von Fachleuten vor Ort, Kurse zur gesunden Ernährung und Bewegungsförderung von Kindern und Tauschbörsen für gebrauchte Kinderkleidung.

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