Der Sichtschutz ist weg: Siegfried Scholz (re.) steht in den Resten seiner Hecke. Die Nachbarn hinten in seinem Garten wären vor dem Kahlschlag nicht zu sehen gewesen.
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Der Sichtschutz ist weg: Siegfried Scholz (re.) steht in den Resten seiner Hecke. Die Nachbarn hinten in seinem Garten wären vor dem Kahlschlag nicht zu sehen gewesen.

Mieter wehren sich

Wut über Hecken-Kahlschlag in Marl: Jetzt können alle in die privaten Gärten sehen

  • Patrick Köllner
    vonPatrick Köllner
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  • Randolf Leyk
    Randolf Leyk
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Gerade in Corona-Zeiten sind die Mieter an der Plaggenbrauckstraße in Brassert froh, dass sie einen Garten haben. Was sie damit zuletzt aber erleben mussten, ist schon ein starkes Stück.

Update, 22.1., 8 Uhr: Nach wie vor erregt der Heckenschnitt die Gemüter. Nicht nur in Marl ist dieses Thema in der Diskussion. Der Marler Fall kusiert im Netz durch ganz Deutschland. Rechtlich war das Ganze wohl in Ordnung. Denn: Das Bundesnaturschutzgesetz verbietet den radikalen Heckenschnitt in der Zeit vom 1. März bis zum 30. September. Im Frühjahr und Sommer bietet die Hecke Nistplatz und Lebensraum für zahlreiche Tierarten. Doch bald müssen Hobbygärtner darauf keine Rücksicht mehr nehmen.

Reinhold Kühn ist immer noch entsetzt. Am Freitag letzter Woche begann eine Gartenbaufirma morgens mit umfangreichen Arbeiten an der Plaggenbrauckstraße in Marl. Mit Kettensägen und anderen schweren Geräten ging es in den Grünanlagen der Rheinstahlsiedlung zur Sache. Dabei wurde unter anderem eine Hecke von Reinhold Kühns Garten hinter dem Haus auf den Stock gesetzt. Wo früher Sichtschutz herrschte, hat jetzt jeder Passant freien Einblick in die Anlage und die darauf stehenden Blumentöpfe und Gartenhäuschen. Das kleine Grundstück befindet sich zwar nicht direkt an der Straße, aber das ist für Reinhold Kühn nur ein schwacher Trost.

Was er nicht begreifen kann, ist, wieso ausgerechnet seine Hecke weggeschnitten wurde, die der Nachbargärten dagegen nicht. „Wir wohnen hier seit mehr als 60 Jahren und haben unseren Garten immer gepflegt“, sagt Reinhold Kühn und ringt mit den Tränen.

Mieter aus Marl wurden nicht informiert

Mit dem Problem steht er nicht alleine da. Auch sein Nachbar Richard Faller ist von der Aktion betroffen. Er stört sich besonders an der Tatsache, dass die Mieter der Siedlung im Vorfeld nicht darüber informiert wurden. So hätte es seitens der zuständigen Wohnungsbaugenossenschaft Wattenscheid (WBGW) weder E-Mails, Briefe oder Aushänge in Hausfluren gegeben.

„Das ist schon sehr unsensibel“, sagt Richard Faller. „Woher sollen die Betroffenen denn so kurzfristig einen Zaun organisieren? Außerdem sind die Baumärkte wegen Corona doch gerade geschlossen.“

Kahlschlag in Marler Siedlung

Bei unserem Besuch vor Ort machen wir uns in dieser Woche selbst ein Bild von der Situation. Richard Faller und Reinhold Kühn führen uns durch die Siedlung und zeigen uns weitere vom Kahlschlag betroffene Stellen. An der Rheinstahl- und Arenbergstraße wurden sogar Hecken rasiert, die direkt an der Straße beziehungsweise dem Fußgängerweg standen.

Eine davon gehörte zum Garten von Siegfried Scholz. Er wohnt seit 16 Jahren an der Plaggenbrauckstraße. Um seine Anlage vor neugierigen Blicken zu schützen, mietete er sich kurzfristig einen Bauzaun. Die Kosten dafür will er dem Vermieter in Rechnung stellen.

Hecke in Marl-Brassert soll wiederhergestellt werden

Und was sagt die WBGW? Auf unsere Nachfrage teilt das Unternehmen mit, dass in dem Marler Wohnquartier „zurzeit dringend notwendige Pflegearbeiten“ stattfinden. Die Maßnahme sei auch von mehreren Mietern gewünscht worden. Es handele sich um „Arbeiten zur Wiederherstellung der Verkehrssicherheit“ sowie um den Rückbau ehemaliger Mietergärten und den Rückschnitt durchwachsender Hecken. Gesetzliche Regelungen würden berücksichtigt. Dazu zählt das Bundesnaturschutzgesetz, das Heckenschnitt vom 1. März bis zum 30. September verbietet.

Der für den Bereich zuständige Techniker teilt uns zusätzlich mit, dass einige Hecken versehentlich so stark beschnitten wurden. Die Hecke von Siegfried Scholz soll wieder hergestellt werden, auf dem Grundstück davor sei ein neuer Zaun geplant.

Im Frühling beobachtete seit Wochen ein Anwohner der Anton-Jansen-Straße in Datteln bei seinen Nachbarn Rodungen und Heckenschnitte, obwohl die verboten sind. Der Nabu wurde informiert.

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