„Kann nicht ernst gemeint sein“

Virologe Kekulé zweifelt an Corona-Vorstoß von Laschet und hat einen Verdacht

  • Christian Keiter
    vonChristian Keiter
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Mit der Forderung nach einem „Brücken-Lockdown“ sorgte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet am Ostermontag für Aufsehen. Virologe Alexander Kekulé ist sichtlich irritiert.

NRW – Mit seiner Forderung nach einem „Brücken-Lockdown“ hat Armin Laschet (CDU)* nicht nur einen neuen Corona-Begriff erfunden, sondern auch eine hitzige Debatte ausgelöst. Am Ostermontag (5. April) forderte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident beim Besuch eines Impfzentrums in Aachen einen zwei- bis dreiwöchigen Lockdown und ein Vorziehen der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz. Darüber berichtet RUHR24*.

PolitikerArmin Laschet
Geboren18. Februar 1961 (Alter 60 Jahre), Aachen
ParteiCDU
AmtMinisterpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen

Corona in NRW: Laschet kann „Brücken-Lockdown-Vorstoß“ laut Kekulé nicht ernst gemeint haben

Weil danach viele Fragen offen blieben, ging Armin Laschet einen Tag später im ZDF-Morgenmagazin konkreter auf seine Pläne ein. „Wir sind in einer Phase, in der das Impfen an Tempo aufnimmt. Wir erkennen, dass schon in ganzer kurzer Zeit 20 Prozent, danach 30 und 40 Prozent der deutschen Bevölkerung geimpft sind. Jetzt sagen uns die Wissenschaftler, dass wir für die Brücke bis zu diesem Zeitpunkt – da geht es um zwei, drei Wochen – noch einmal eine Anstrengung unternehmen sollten.“

Der Virologe Alexander Kekulé (62) glaubte zunächst, sich verhört zu haben, als ihm dieser Ausschnitt des Interviews in seinem MDR-Podcast vorgespielt wurde. Er könne sich nicht vorstellen, dass Armin Laschet das ernst gemeint habe. Und noch weniger könne er sich vorstellen, dass es seriöse Wissenschaftler gibt, die ihm sowas empfohlen hätten.

Corona-Vorstoß von Laschet sorgt für Aufsehen: Kekulé bremst Erwartungen an Impf-Tempo

Besonders irritierte den Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg die Zeitspanne, die der CDU-Politiker nannte. Man müsse bei den Impfungen zwischen dem Effekt hinsichtlich der Sterblichkeit, den man durch das konsequente Impfen der Alten und Risikopatienten erreiche, und epidemischen Effekten, also dem Erreichen von Herdenimmunität, unterscheiden.

Armin Laschet scheine, so Alexander Kekulé, auf letzteres hinzusteuern. Von einer möglichen Herdenimmunität gegen das Coronavirus* sei man in Deutschland aber weit entfernt, da dürfe man sich überhaupt keine Illusionen machen. „Selbst wenn man die natürlichen Infektionen mit in die Rechnung hineinnimmt: Ein Ende der Pandemie, dadurch dass sie sich abbrennt, werden wir auf keinen Fall vor Juni haben und auf keinen Fall in zwei bis drei Wochen.“

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) forderte einen zwei- bis dreiwöchigen „Brücken-Lockdown“.

Die Argumente von Armin Laschet, dass die Impfkampagne gegen das Coronavirus durch das Einbeziehen der Hausärzte* und die am Osterwochenende rund 450.000 zusätzlich vergebenen Astrazeneca-Impftermine in NRW an Fahrt aufgenommen hätte, lässt Alexander Kekulé nicht gelten. Bei den Impfungen sei er keineswegs so optimistisch.

Kekulé: Corona-Vorstoß von Laschet wirkt wie der Versuch einer „österlichen Wiederauferstehung“

„Die Amerikaner haben gerade bekannt gegeben, dass sie drei Millionen Menschen am Tag impfen. Das ist mal eine Ansage. In diese Größenordnung kommen wir nicht“, so der Virologe. Der 62-Jährige vermutet deshalb, dass hinter dem heiß diskutierten Vorschlag des Regierungschefs von Nordrhein-Westfalen politische Motive stecken.

Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hätte auch in der Pandemiepolitik stets seine Nähe zu Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betont. Das habe Laschet als potenziellem Kanzlerkandidaten sicher geschadet. Auf Alexander Kekulé macht der Vorstoß von Armin Laschet deshalb den Eindruck, als handele es sich um den Versuch einer „österlichen Wiederauferstehung“.

Der Frage, inwiefern sich in einem Zeitraum von zwei bis drei Wochen die Impf-Situation in Deutschland angesichts des momentanen Tempos überhaupt spürbar verändern könne, wich Armin Laschet im ZDF-Morgenmagazin aus. Stattdessen argumentierte der NRW-Ministerpräsident, dass es neue Mechanismen wie das Testen und Modellprojekte gebe. Diese könne man grundsätzlich über die Modellregionen hinaus ausdehnen (alle News zum Coronavirus in NRW* auf RUHR24).

Kekulé: Lockdown-Vorschlag von Laschet gut für alternative Konzepte – aber nicht für Herdenimmunität

Das könne laut Armin Laschet aber nur funktionieren, wenn man sich auf einem niedrigeren Niveau mit Blick auf die Inzidenzzahlen befinde. Zudem gebe es neue technische Möglichkeiten wie die Luca-App. Auch diese müssten in den viel zitierten drei Wochen vorbereitet werden, um in eine Phase der „behutsamen Öffnungen“ zu gelangen.

Anders als bei den überambitionierten Impfzielen ist Alexander Kekulé in diesem Punkt einer Meinung mit dem neu gewählten CDU-Vorsitzenden. Ein Lockdown könne die Inzidenzen dramatisch drücken, inklusive aller Nebenwirkungen. Wann genau letztlich der richtige Zeitpunkt wäre, um auf die von Armin Laschet ins Gespräch gebrachten alternativen Konzepte umzusteigen, sei allerdings eine schwierige Frage.

Corona-Zahlen in Deutschland und NRW gingen zuletzt zurück – Kekulé warnt dennoch

„Ich glaube, ein Bereich rund um eine Inzidenz von 50 wäre gut. Das ist aber keine wissenschaftliche Angabe, vielleicht klappt es auch bei 80 oder 100“, so Alexander Kekulé. Wissenschaftlich vorherberechnen könne das niemand. Es sei jedenfalls nicht sinnvoll, die Strategie hin zu mehr Lockerungen zu wechseln, während die Zahlen ansteigen. Grundsätzlich klinge aber zumindest dieser Teil der „Brücken-Lockdown“-Forderung vernünftig. Es brauche zunächst mehr Lockdown, bevor man über alternative Konzepte nachdenken könne.

Die Corona-Fallzahlen in Deutschland und NRW gingen zuletzt deutlich zurück*. Allerdings wies das Robert Koch-Institut darauf hin, dass die Zahlen am langen Osterwochenende möglicherweise nicht vollständig seien, weil weniger Menschen den Arzt aufsuchen und nicht alle Ämter Daten übermitteln. Dass sich die Lage aktuell keineswegs entspannt, zeigt etwa die seit Tagen zunehmende Zahl der Fälle von Corona-Patienten, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen. *RUHR24 ist Teil des Redaktionsnetzwerks von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Tobias Schwarz/AFP-Pool

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