Erstmals Hygienestandards definiert

Coronavirus in NRW: Chöre und Orchester dürfen proben - unter strengen Auflagen

  • Lars Becker
    vonLars Becker
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Chöre und Orchester in NRW dürfen unter Einhaltung von Hygienestandards trotz des Coronavirus wieder proben. Das Gesundheitsministerium hat Fragen dazu beantwortet.

  • Trotz des Coronavirus* dürfen Chöre, Musikvereine und Orchester in NRW wieder proben.
  • Voraussetzung ist, dass klar definierte Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden. 
  • Das Land NRW hat diese Vorgaben mit Wirkung zum 30. Mai jetzt konkretisiert

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Hamm - Das Land hat in seiner Coronaschutzverordnung, die ab dem 30. Mai 2020 gilt, auch den Paragraph 8 ("Kultur") aktualisiert. 

In den Hygiene- und Infektionsschutzstandards, die als Anlage gelten, gibt es jetzt außerdem einen kompletten Unterpunkt, der in fünf Unterpunkten die "Hygienestandards für Musiker und Sänger im Orchester- und Theaterbetrieb (einschließlich Probenbetrieb)" definiert. 

Hier wurden Details gebündelt, die zuvor in der Schutzverordnung gestanden hatten - und dann umfangreich ergänzt. Mit einem Klick auf den obigen Link öffnen Sie die pdf-Datei, die Sie dann auch ausdrucken oder speichern können.

Chöre und Orchester in NRW: Weniger Abstand notwendig

Wichtige Anpassung gegenüber der noch bis Freitag, 29. Mai gültigen Fassung der Coronaschutzverordnung:

Die Vorgaben für Sängerinnen und Sänger wurden dahingehend aktualisiert, dass der Abstand "in Ausstoßrichtung" vier statt bisher sechs Meter betragen muss. Seitlich bleibt es bei drei Metern.

Warum diese Reduzierung des vorgeschriebenen Abstandes in Aussstoßrichtung? Die Antwort darauf kam jetzt auf Anfrage unserer Redaktion aus dem NRW-Gesundheitsministerium:

Chöre und Orchester in NRW: Deshalb reicht kleinerer Abstand

"Beim professionellen Singen sind auch bei forcierter Artikulation im Abstand von zwei Metern keine Luftbewegungen mehr gemessen worden. Daher ist davon auszugehen, dass beim Singen ein Sicherheitsabstand von drei Metern zwischen Personen und von vier Metern in Ausstoßrichtung als risikoreduzierende Maßnahme ausreichend ist."

In Summe ändert das indes mutmaßlich wenig: Nur wenige Chöre werden diese Abstandsregeln einhalten können, wenn sie beispielsweise in Gaststätten oder Pfarrheimen proben. Denn pro Person muss der jeweilige Raum eine Größe von zehn Quadratmeter vorweisen.

Chöre und Orchster in NRW: "Potenziell infektiöse" Mischung

Außerdem wird geregelt, wie Instrumente zu reinigen sind - vor allem dann, wenn sie von mehreren Personen gemeinsam bzw. nacheinander genutzt werden (beispielsweise Tasteninstrumente) oder aber wenn eine "potenziell infektiöse" Mischung aus Kondenswasser und Speichel entsteht. Das sogenannte "Ausblasen" soll unterbleiben, Einmaltücher sind zum Auffangen der Flüssigkeit vorgesehen.

Aus den Vorgaben für Instrumentalisten ergaben sich neue Frage, die das Gesundheitsministerium auf Bitte unserer Redaktion beantwortet hat. Hier die Fragen und Antworten im Überblick:

  • Laut Formulierung in der Schutzverordnung müssten für Proben/Aufführungen im Freien die gleichen Vorgaben wie innen gelten. Ist das richtig und sinnvoll?

Antwort des Ministeriums im Wortlaut: "In der CoronaSchVO ist festgelegt, dass bei Aufführungen im Freien geeignete Vorkehrungen zur Hygiene zu treffen sind. Die in der Anlage geforderten Hygienestandards zu Abstand, Händehygiene, Umgang mit Instrumenten etc. sind im Freien genauso einzuhalten wie in geschlossenen Räumen. Insgesamt ist das Risiko für das Singen und Musizieren im Freien wegen der permanenten Luftströmung allerdings als deutlich geringer einzuschätzen als in geschlossenen Räumen."

Chöre und Orchester in NRW: Ausströmende Luft gibt den Abstand vor

  • Wird eine transparente Schutzwand auch benötigt, wenn vor den Blechbläsern niemand sitzt oder wenn ein Seidentuch vor dem Trichter befestigt wird?

Antwort des Ministeriums im Wortlaut: "Nein, in dem Fall ist die Schutzvorrichtung nicht erforderlich."

  • Sind auch andere Stoffe außer dicht gewebter Seide zulässig?

Antwort des Ministeriums im Wortlaut: "Es können auch andere dichtgewebte Stoffe verwendet werden."

  • Was gilt für Blechinstrumente wie Tubas, Tenorhörner/Baritons oder Waldhörner, die nicht nach vorne spielen?

Antwort des Ministeriums im Wortlaut: "Die Richtung der ausströmenden Luft und die Größe des Instruments müssen bei Sitzordnung und Abstandsregelung beachtet werden. Gleichwohl gilt für alle, dass ein Mindestabstand von zwei Metern beim Musizieren untereinander einzuhalten ist."

Chöre und Orchester: Potentiell infektiöse Tröpfchen

  • Warum wird von einer Aerosolfreisetzung durch Klappen gesprochen, obwohl Blechblasinstrumente keine Klappen haben (außer vielleicht der Wasserklappe, die aber beim Spielen dicht verschlossen ist und die daher keine Aerosole freisetzen kann) und liegt hier vielleicht eine Verwechslung mit Holzblasinstrumenten vor?

Antwort des Ministeriums im Wortlaut: "Bei Blasinstrumenten können während des Spiels Aerosole, Kondenswasser in Abhängigkeit von der Außentemperatur, sowie Tröpfchenbildung durch Speichel entstehen. Diese Flüssigkeiten sind als potentiell infektiös zu betrachten. Zur Freisetzung von potentiell infektiösen Aerosolen über Instrumentenklappen gibt es bisher keine belastbaren Erkenntnisse. Die entsprechenden Schutzvorkehrungen werden empfohlen, um den Austritt von potentiell infektiösen Tröpfchen aus dem Schalltrichter von Blechblasinstrumenten zu minimieren."

Hier lesen Sie unsere Berichterstattung vom 21. Mai

Der achte Paragraph "Kultur" der am Dienstag (19. Mai) veröffentlichten Fassung der Coronaschutzverordnung ließ und lässt angesichts schwammiger Formulierungen Interpretationsspielraum dahingehend, ob ab sofort alle (Laien-) Chöre, Musikvereine und Orchester im Land wieder proben dürfen oder nur solche, die an Opern, Theatern oder Konzerthäusern wirken.

Daher hat unsere Redaktion die NRW-Staatskanzlei in Düsseldorf am Mittwochmorgen kontaktiert und um eine verbindliche Konkretisierung bzw. Klarstellung gebeten.

Chöre und Orchester in NRW: "Ja" gilt für Laien und "Profis"

Die kam umgehend: Wie ein Sprecher betonte, dürfen tatsächlich mit Wirkung vom 20. Mai - also dem heutigen Mittwoch - sämtliche Chöre, Ensembles, Musikvereine und Orchester wieder proben. Das gilt für Laien wie für Berufssänger und -musiker. Das berichtet WA.de*.

Dafür gelten aber neben den corona-typischen Hygienevorschriften zwingend weitere Bedingungen: 

Zum einen muss der Proberaum vom jeweiligen Träger (z.B. Kommunen) explizit für diesen Zweck freigegeben werden und pro Person mindestens zehn Quadratmeter an Fläche aufweisen.

Chöre und Orchester in NRW: Diese Abstandsregeln sind verbindlich

Zum anderen gelten jetzt klar definierte Abstandsregeln für geschlossene Räume

  • In einer Reihe müssen Personen beim Singen seitlich mindestens drei Meter auseinander stehen.
  • Bei Instrumentalmusik reicht ein seitlicher Abstand von 1,5 Metern aus.
  • Zur nächsten Reihe nach vorne müssen es bei Gesang wie Blasmusik sogar sechs Meter sein. Die Verordnung spricht dabei von der "Ausstoßrichtung", was sich darauf bezieht, dass Aerosole (Schwebeteilchen) in die Luft gelangen.

Ausschlaggebend dafür, dass auch alle (Laien-) Vereine im Land mit den aktuellen Lockerungen gemeint sind, ist laut einem Sprecher der NRW-Staatskanzlei die Formulierung in Absatz 1 des Paragraphen 8.

Chöre und Orchester in NRW: Vereine sind "andere Einrichtungen"

In dem steht neben "Theatern, Opern- und Konzerthäusern" auch der Passus "und andere Einrichtungen". Damit seien auch Vereine gemeint. 

Chöre und Orchester waren in einer vorherigen Fassung der Coronaschutzverordnung im Zusammenhang mit den sogenannten "atmungsaktiven Fächern (insbesondere Gesang, Blasinstrumente)" explizit genannt worden.

Chöre und Orchester: Konkretisierung der Verordnung denkbar 

Diese Nennung fehlt nun in der neuesten Fassung, was selbst die Deutsche Presse-Agentur (dpa) dazu veranlasste, in der bisherigen Berichterstattung davon auszugehen, dass die Lockerungen sich nur auf einen bestimmten Bereich bezieht.

Denn die dpa schrieb am Mittwochmorgen: "Ebenfalls neu in der Coronaschutz-Verordnung: Die Regelung für - bislang verbotene - Chorproben. So dürfen mehrere Sänger in Opern oder Konzerthäusern wieder gemeinsam üben."

Aus der Erfahrung heraus scheint es denkbar zu sein, dass das Land die Coronaschutzverordnung noch einmal konkretisiert, um Klarheit zu schaffen.

Chöre und Orchester in NRW: Privates Musizieren war nie verboten

Die jetzige, neue Regelung bezieht sich auf geschlossene Räume und die Öffentlichkeit. Im Freien reicht immer ein seitlicher Abstand von 1,5 Metern - also auch bei Sängern.

Auf privater Basis durften sich Sängerinnen, Sänger oder Instrumentalisten theoretisch schon immer zum gemeinsamen Musikzieren treffen, weil es dafür zwar ein Gebot, aber nie ein Verbot gegeben hat, so der Sprecher des Landes NRW weiter.

Dass NRWs Musiker kreativ sind, ließ sich in den Sozialen Medien beobachten. Während der Corona-Krise haben Chöre, Orchester, Spielmannszüge und Bands sich einiges einfallen lassen, um miteinander zu singen oder zu musizieren. Der Chorverband NRW hat so den "größten Chor im Westen" kreiiert: 

Chöre und Orchester in NRW: Studien mit verschiedenen Auffassungen

Darüber, welche Mindestabstände unter Personen einzuhalten sind, die in "atmungsaktiven Fächern" musizieren, gab es verschiedene Auffassungen.

Es gab sowohl Studien, die massive Abstände und sogar einen Verzicht darauf einforderten auch als solche, die das weniger restriktiv sahen. Jetzt herrscht jedenfalls Klarheit, wenngleich die Coronaschutzverordnung klarer definieren könnte, das dem auch wirklich so ist...

Vatertag in Zeiten des Coronavirus: Dürfen Männer in NRW eigentlich mit dem Bollerwagen losziehen?* Die Antwort gibt es hier.

*WA.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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