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Jürgen Lenz (r.) und Klaus-Jürgen Bartsch haben bei dem Unglück 1946 Familienangehörige verloren.

Abschied vom Bergbau

Der Tod lauerte in der Grube

BERGKAMEN - Das Grübenunglück von Grimberg in Bergkamen gehört mit zu den schlimmsten seiner Art. Bis heute wirkt es nach und hat ganze Familien verändert. Zeitzeugen berichten.

Dass sich Unglück über die Familie senkt, wusste Jürgen Lenz am 20. Februar 1946 noch nicht. Was ist Unglück für einen zweijährigen Jungen, wenn doch die Mutter da ist? Gewiss aber hat er mittags um 12.05 Uhr den heftigen Schlag mitbekommen, der damals ganz Bergkamen erschütterte. Auf dem Gelände der Zeche Grimberg 3/4 hatte sich in 900 Metern Tiefe eine Explosion ereignet, deren Kraft durch den Schacht bis über Tage schlug. 405 Bergleute starben, das Grubenunglück ist das schwerste, das sich jemals in Deutschland ereignet hat. Unter den Opfern der Hauer Richard Lenz, 29 Jahre alt. Es war auch die größte Katastrophe für Jürgen Lenz und seine Mutter Hertha, aber es war noch nicht die letzte für beide.

Bei Jürgen Lenz (74) steht der Kaffee auf dem Tisch. Wenn er und Klaus-Jürgen Bartsch (78) zusammensitzen, sind die alten Zeiten nah. Zeiten, die sich für die beiden ehemaligen Beschäftigten der Zeche Grimberg in über Tage und unter Tage teilten. Weddinghofen, ein Ortsteil Bergkamens, ist ein Dorf, vielen hier ist die Katastrophe noch präsent, weil es kaum eine Familie gibt, die damals keinen Toten zu beweinen hatte. Die meisten wohnten in der Nähe der Zeche, die im Volksmund nur „Kuckuck“ genannt wurde. Der vom Explosionsdruck aus seinen Fundamenten gerissene Förderturm, der nun schräg in den Himmel ragte, wirkte in den Tagen danach wie ein Mahnmal für dieses große Verhängnis. Klaus-Jürgen Bartschs Frau Ilse war zu dem Zeitpunkt schon neun Jahre alt: „Die weiß noch, dass damals hier alle Fensterscheiben durch die Luft geflogen sind. Zwei Onkel von mir sind unten geblieben.“ Sie verbrannten, erstickten oder wurden von der Wucht getötet.

Der Ertrag war wichtiger als die Sicherheit

„Mama hat nicht viel erzählt in den Jahren danach“, erinnert sich Lenz. Hertha Lenz hätte allerdings Grund gehabt, ihre stille Trauer in Wut zu wandeln, als bei der Aufarbeitung des Unglücks herauskam, dass viele Sicherheitsvorkehrungen auf der Zeche nicht eingehalten worden waren, um in der schwierigen Nachkriegszeit das Maximum an Ertrag herauszuholen. Fest stand, dass ein Funken eine Schlagwetterexplosion auslöste, der eine Kohlenstaubexplosion folgte. Die Grimberg-Kohle galt als sehr methanhaltig, die Gefahr einer Explosion durch einen Funken war, wenn es unbemerkt zu einem Anstieg kam, vergleichsweise hoch – da brauchte nur eine Schüppe auf Stein zu schlagen, eine Maschine heiß zu laufen oder eine Wetterlampe zu Bruch zu gehen.

Wichtig war daher, dass der bei dem Abbau anfallende Kohlenstaub ständig durch nicht brennbaren Steinstaub abgedeckt wurde, um die Gefahr einer Staubexplosion zu mindern – was wohl nicht passierte. Bereits 1944 hatte sich auf Grimberg eine solche Explosion ereignet, bei der 107 Bergleute – meist Zwangsarbeiter – den Tod fanden. Was im Hitler-Deutschland allerdings aus propagandistischen Gründen weitgehend verschwiegen wurde. Überlebende des Unglücks 1946 berichteten jedenfalls später von einer Kohlenstaubdicke von bis zu 30 Zentimetern auf den Böden der Flöze. Und jedes durch die Schlagwetterexplosion aufgewirbelte Staubkorn entzündete sich und schob das Inferno rasend schnell durch Flöze und Schächte über die Leute hinweg.

300 Meter hohe Stichflamme

Augenzeugen über Tage berichteten von einer 300 Meter hohen Stichflamme, die aus dem Schacht geschossen sei. Viele von denen, die die Explosionen überlebten, starben Minuten später durch giftiges Kohlenmonoxid. Einen Filter zur Selbstrettung gab es zwar schon seit den 30er-Jahren, ausgerüstet waren die Grimberger damit aber nicht. Die sofort alarmierten Grubenwehren fuhren über den Schacht Grillo der benachbarten Zeche Monopol ein, um zu retten, was zu retten war.

Aus dem Protokoll der Hauptstelle Grubenrettungswesen Essen, Schacht Grimberg IV: „Förderwagen, Hölzer, Rohrleitungen, Kabeltrommeln etc. lagen weit durcheinander und unmittelbar an der Kurve … lagen zwei Tote, die starke mechanische Verletzungen aufwiesen.“ Und andernorts: „Sowohl die Toten als auch die Lebenden wiesen keine mechanischen Verletzungen auf und waren anscheinend infolge Einatmens von Explosionsschwaden zusammengebrochen bzw. umgekommen.“

Zwei Väter veloren

Minuten nach der Explosion sammelten sie sich schon vor den Toren von Grimberg, die Väter, Mütter, Frauen, Kinder – Glückliche, die noch nicht eingefahren waren oder schon wieder raus, Angehörige von Unglücklichen, die nie mehr das Tageslicht erblicken sollten. Unter ihnen Richard Lenz.

„Nach sechs Jahren hat meine Mutter noch einmal geheiratet“, erzählt Jürgen. Der Bergmann Willi Droste wurde sein Stiefvater – bis er 1953 auf Grimberg „untern Bruch kam“. Stürzender Fels hatte ihn unter sich begraben. „Ich war acht Jahre alt, da war schon der zweite Vater weg.“ Man hatte ihn nach seiner Bergung im Hause der Familie von Klaus-Jürgen Bartsch aufgebahrt. „Als ich die Treppe runterkam, sah ich ihn da liegen. Verband um den Kopf, Arm und Bein waren amputiert.“ Keine große Katastrophe, nur ein kleines Unglück.

"Mutter war völlig aufgelöst"

Für Hertha allerdings machte das keinen Unterschied. „Mutter war völlig aufgelöst. Als ich ihr dann mit 14 Jahren sagte, dass ich Bergmann werden wollte, verbot sie es mir“, so Lenz weiter, „aber ich wollte dahin. Ich hab‘ dann Elektriker gelernt, musste ihr aber das Versprechen geben, dass ich nach der Lehre über Tage arbeite.“ Allerdings beinhaltete die Ausbildung ein Jahr der Arbeit unter Tage. Es war ein Jahr der Angst für Hertha Lenz. Es war ein Jahr, das Jürgen Lenz nicht vergessen wird. „Die alten Hauer haben mich an die Hand genommen, da war jeder wie ein Vater zu mir.“ Weil er ja keinen mehr hatte.

„Meine Mutter hat nach dem Tod Willi Drostes nicht mehr geheiratet, weil sie dachte, sie würde den Männern kein Glück bringen“, erinnert sich ihr Sohn: „Sie ist früh gestorben, und bis dahin war kein Tag mehr wie der andere.“

Ein wahres Höllenfeuer

Auf Grimberg wurde Kohle noch bis 1995 gefördert. Damit sich das Feuer untertägig nicht bis zu Grimberg 1/2 durchfressen konnte, hatte man nach dem Unglück einen Bach in den Schacht 4 hineingeleitet. Dennoch: Als man zwischen 1948 und 1951 die Anlage 3/4 wieder förderbereit machte, loderten immer noch unterirdisch die Brände. Muss wohl ein wahres Höllenfeuer gewesen sein. „Es gibt ein Berggesetz“, sagt der ehemalige Reviersteiger Bartsch, „und das lautet: Da, wo tote Kumpel liegen, geht man nicht mehr rein.“ Mehr als 380 Opfer blieben damals unter Tage, man hat sie nicht bergen können. „Wenn man mal von der Nachbarzeche Haus Aden drankam, hat man die vollen Loren noch gesehen und die Grubenlampen gefunden.“

Banger Blick auf einen riesigen Friedhof für verlorene Seelen, zerstört und schwarz, 900 Meter tief in der Erde.

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