Abschied von der Kohle

Der Bergbau von A bis Z - von Auguste bis zappenduster

HALTERN - Eine Besonderheit des Bergmannstandes ist seine Sprache. Gedinge, Lösestunde oder Querschlag - wer aus der Arbeitswelt übertage weiß schon, was diese Begriffe zu bedeuten haben.

Halterns Schächte sind dicht, die letzten Zechen schließen jetzt. Doch längst ist nicht Schicht im Schacht. Was weiter wirkt, ist zum Beispiel die Sprache. Wir haben ein Bergmanns-Alphabet von A bis Z zusammengestellt. Nur für das "X" und das "Y" blieben uns die Worte weg.

A wie Auguste Victoria : Die Ehefrau von Kaiser Wilhelm II, Auguste Victoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg (1858-1921), war die Namensgeberin des ersten Marler Bergwerks, das mit den Schächten AV 8 und 9 später auch in Haltern Kohle abbaute. Der Name sollte die Loyalität der Unternehmer zum regierenden Fürstenhaus dokumentieren.

B wie Blumenthal: Die Zeche General Blumenthal teufte 1979 Schacht Haltern I und 1980 Schacht Haltern II in der Haard ab. Namensgeber war der preußische Offizier und Generalfeldmarschall Leonhard von Blumenthal (1810-1900).

C wie CO-Filter-Selbstretter: Er gehört zur unbedingten Ausstattung des Bergmanns und muss am Mann getragen werden. Der Filter-Selbstretter wird verwendet, damit die Bergleute aus einem durch Brandwetter kontaminierten Bereich unter Tage in den Frischwetterstrom fliehen können.

D wie Deckgebirge: Das sind die Gebirgsschichten über der Kohlenlagerstätte. In Lippramsdorf ereigneten sich während des aktiven Kohleabbaus immer wieder Beben im Deckgebirge.

E wie Einfahren: Ein Kumpel fährt ein, wenn er sich unter Tage begibt. Die Schächte in Haltern waren Einfahrtschächte für die Bergleute, gefördert wurde die Kohle in Herne beziehungsweise Marl.

F wie Füllort: Der Umschlagbahnhof zwischen Schacht und Strecke sieht aus wie ein U-Bahnhof. Hier kommen die Bergleute und ebenso Materialien für die Arbeit unter Tage an, von hier aus wird auch die abgebaute Kohle über Tage transportiert.

G wie Gedinge: Das ist ein bergmännischer Vertrag zwischen der Betriebsleitung eines Bergwerks und den unter Tage arbeitenden Bergleuten über die ausgehandelte Akkordarbeit.

H wie Hängebank: Nichts zum Ausruhen. Hängebank ist ein schachtnaher Bereich, an dem über Tage die Schachtförderkörbe be- und entladen werden und Personen die Förderkörbe besteigen.

I wie Inkohlung: Vor 345 bis 280 Millionen Jahren bedeckte eine Sumpfvegetation einen Großteil der Erde. Aus den abgestorbenen Pflanzen, die in tiefen Erdschichten hohem Druck und hohen Temperaturen ausgesetzt waren, entstand über Millionen von Jahren die Steinkohle.

J wie Joch: So nennt der Bergmann eine zur Befestigung eines Schachtes dienende, ringsum verlaufene Zusammenstellung von Hölzern.

K wie Kux: Der gesellschaftliche Anteil am Vermögen einer bergrechtlichen Gewerkschaft heißt Kux. Es gibt keine Dividende, sondern eine Ausbeute. Der Besitzer eines solchen Anteils wird auch bei Verlusten herangezogen.

L wie Lösestunde: Das ist der Zeitabschnitt während einer Schicht, in dem die Bergleute einander abwechseln oder eine Ruhepause machen.

M wie Muckefuck: Echten Bohnenkaffee konnten sich die Bergmannsfamilien im Alltag nicht leisten. Muckefuck bestand aus getrockneten und dann gerösteten Pflanzenteilen, die wie Kaffee gebrüht wurden. Lecker war anders.

N wie niederbringen: Das ist sinnbildlich eine Geburt. Wenn ein Bergwerk von niederbringen spricht, meint es die Herstellung eines neuen Schachtes.

O wie Ortsältester: Das ist der Bergmann, der als Chef eines Arbeitsteams tief unter der Erde das Sagen hat.

P wie Pütt: Eigentlich ist es das Wort für Brunnen. Im Ruhrgebiet steht Pütt für die Grube, in die man einfährt, um Kohle zu gewinnen.

Q wie Querschlag: Das ist nicht nur ein Ortsteil in Bochum. Im Bergbau ist damit die waagerechte Strecke gemeint, die den Schacht mit den Lagerstätten verbindet.

R wie Ristschutz: Die stabilisierende Schutzkappe auf Arbeitsschuhen schützt den Fußrücken (auch Spann). Solche Schuhe gehörten neben Staubmaske und Schutzbrille unter anderem zur Grundausrüstung der Bergleute unter Tage.

S wie Schnupftabak: Bergleute nehmen gern eine Prise. Denn der Schnupftabak macht unter Tage die Nase frei, wenn der Kohlenstaub sie verstopft hat.

T wie Trallafiti: Die Menschen des Ruhrpotts gingen auf Trallafiti, wenn sie nach harter Arbeit Party machten.

U wie unverritzt: Dieser Ausdruck bezeichnet ein vom Bergbau noch nicht berührtes Grubenfeld.

V wie Vortrieb: Das ist der erste Schritt, um Kohle zu gewinnen. Die Bergleute stellen einen Hohlraum im Gebirge mit regelmäßigem, ziemlich gleich bleibendem Querschnitt her. Der ganze Arbeitsschritt umfasst Bohr- Spreng-, Wegfüll- und Ausbauarbeiten. In den Anfängen geschah das mit Muskelkraft, heute gibt es dafür hochmoderne Maschinen.

W wie Wendelrutsche: Sie ist heute die Attraktion im Bergbau-Erlebnisbad Oberhausen oder auf dem Spielplatz des Bergbau-Museums in Bochum. Auf den Bergwerken war die Wendelrutsche Arbeitsgerät zum Abwärtsfördern von Kohle.

Z wie zappenduster: Bergbau ist mit Dunkelheit und Gefahr verbunden. Vor Ort direkt an der Kohle ist es stockdunkel. Für diese äußerste Dunkelheit gibt es im Ruhrgebiet das Wort "zappenduster". Zappenduster ist es auch, wenn einfach nichts mehr geht.

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