Abschied von der Steinkohle

„Je näher die Kohle kam, desto größer wurde die Ehrfurcht“

Gelsenkirchen - Eine Schicht im Schacht vor dem wörtlich genommen letzten Revier-Derby. Geschichten über Grubenfahrten mit Fußball-Profis und das, was Schalke und den BVB verbindet.

Der Señor wirkte irgendwie, sagen wir mal, uninspiriert. Klaus Herzmanatus formuliert es ein wenig deutlicher: „Also Raul war ja ein großartiger Fußballer. Aber an dem Tag hat man ihm angemerkt, dass er da eigentlich keinen Bock drauf hatte.“

Herzmanatus, Betriebsratsvorsitzender der im Jahr 2000 stillgelegten Zeche Hugo, steht in der ehemaligen Fördermaschinenhalle von Hugo/Schacht 2, der Förderturm ragt in den Buerschen Himmel. Als Vorsitzender des Hugo-Trägervereins ist Herzmanatus so etwas wie der lokale „Kohle-Beauftragte“ und in für den Bergbau so traurigen Tagen wie diesen besonders gefragt. Der endgültige Abschied von der Steinkohle rückt näher, das Revier-Derby am Samstag ist streng genommen das letzte „Revier“-Derby überhaupt – denn die Bergbau-Reviere, nach denen es benannt ist, gibt es dann im Prinzip nicht mehr.

Natürlich wird das Duell der großen Rivalen im Sprachgebrauch das Revier-Derby bleiben, deshalb kann Herzmanatus auch nicht ganz nachvollziehen, dass der Bergbau auf Schalke nicht in diesem Spiel, sondern erst gegen Leverkusen seiner Bedeutung entsprechend gewürdigt wird: „Das Derby wäre doch perfekt gewesen. Die Bedenken, dass die Dortmunder Fans vielleicht dazwischengefunkt hätten, teile ich nicht. Denn so unterschiedlich sie auch sein mögen: Aber im Prinzip sind die Fan-Kulturen von Schalke und dem BVB doch gleich: Denn bei beiden Vereinen brauchst du dich als Spieler gar nicht mehr blicken zu lassen, wenn dein Trikot nicht wenigstens verschwitzt ist...“

Folklore oder Bekenntnis

Ehrliche Arbeit also für die Menschen in dieser Region, denen auch nichts geschenkt wird. Die Verbindung zwischen Schalke und dem Bergbau hat eine lange Tradition. Man geht „auf“ Schalke, weil die Kumpel, darunter auch S04-Spieler, „auf“ Consol oder „auf“ Hugo arbeiteten. „Tausend Feuer in der Nacht, haben uns das große Glück gebracht“, heißt es im Vereinslied, vor jedem Heimspiel wird das Steigerlied gesungen und bevor die Profis den Arena-Rasen betreten, marschieren sie durch einen vom „Kumpel- und Malocher-Klub“ zum Bergwerks-Stollen umdekorierten Tunnel.

Für die einen ist das alles nur noch Folklore, für die anderen ein echtes Bekenntnis zum Bergbau, zu den Wurzeln. Herzmanatus hält in der zu einem kleinen, aber feinen Fußball-Museum mit großem Veranstaltungsraum umfunktionierten Halle kurz inne und tendiert dann zur zweiten Fraktion: „Ich glaube schon, dass der Verein das ernst nimmt. Ob ein Spieler wirklich schneller läuft, wenn er vorher im Bergwerks-Stollen steht, weiß ich nicht. Aber vielleicht wächst bei manchen doch das Bewusstsein, wofür sie sich hier eigentlich den Arsch aufreißen sollen.“

Beeindruckt von Möller

Herzmanatus bemüht sich mit viel Engagement um die nachhaltige Verbindung zwischen Schalke und der Kumpel-Tradition. Bei ungefähr zehn Grubenfahrten mit den Profis war er dabei, die Geschichten, die er dabei erlebt hat, würden Bücher füllen. „Wenn die Jungs die ersten Meter gefahren sind, flachsen sie meistens noch rum. Aber je tiefer es geht, je näher sie der Kohle kommen und wenn sie dann die Kumpel bei der Maloche sehen, merkt man sofort, dass die Ehrfurcht steigt vor dem, was da unter Tage abläuft.“

Kein Wunder. Mehr als 1.000 Meter tief ist es heiß, stickig, laut, beklemmend. Jeder Spieler reagiert anders. Daher ist die offensichtliche Gelassenheit Rauls im Januar 2012 bei der Grubenfahrt auf der Zeche Auguste Victoria in Marl ja auch vielleicht nur ein Zeichen von Unsicherheit. Immerhin ist Raul mitgefahren. Atsuto Uchida verweigerte die Einfahrt – dem Japaner, in seiner Heimat mit Erdbeben konfrontiert, war die Sache nicht geheuer. Als Marcelo Bordon, ein Kerl wie ein Baum, seine Grubenfahrt hinter sich hatte, vertraute der Brasilianer Herzmanatus an: „Für mich war es ganz wichtig, das gemacht zu haben. Aber nie wieder!“

Mit am beeindruckendsten für Klaus Herzmanatus war die Grubenfahrt mit der späteren „Meister-der-Herzen-Mannschaft“: „Die Ernsthaftigkeit von Andreas Möller, gerade nach Schalke gewechselt, hat mir imponiert. Er hat sich total für die Arbeit unter Tage interessiert. Sowieso waren da Typen bei, denen hast du angemerkt, dass die einen riesigen Respekt vor der Arbeit der Bergleute haben: Jörg Böhme, Ebbe Sand, Gerald Asamoah, später dann auch Frank Rost und Christian Fuchs – für die war das mehr als nur ein Ausflug.“

Und die Trainer? Huub Stevens und Ralf Rangnick nahmen die Sache richtig ernst. Stevens mit Wehmut – sein tödlich verunglückter Vater war Bergmann. Herzmanatus: „Rangnick kam auch mehrmals hier in unsere Schatzkammer, wie wir unser Schacht-Museum nennen, auch mit seiner Familie. Und einmal brachte er die ganze Mannschaft mit. Ich sollte den Jungs alles erzählen über die Arbeit unter Tage, über den Zusammenhalt der Kumpel. Zwei Stunden hatte ich Zeit. Und alles ohne Presse...“

Die Lattek-Legende

Keine Presse? Für Udo Lattek undenkbar. Über den Altmeister hält sich hartnäckig die Legende, er habe sich die Grubenfahrt mit der Mannschaft gespart, sich aber derweil das Gesicht schwärzen lassen, um nachher vor den Fotografen als „richtiger Kumpel“ posieren zu können. Herzmanatus schmunzelt: „Das ist doch völlig okay. Ein bisschen Show muss auch dabei sein. Und Fußball ist halt Geschäft und Show.“

Wer aus diesem Show-Geschäft unter Tage war, wird fotografiert, die Porträts hängen im Schacht-Museum, das auch von BVB-Fans besucht wird. Alle Porträts sind gleich groß, egal ob Eurofighter oder Zweitliga-Kicker. Herzmanatus: „Wie unter Tage. Da sind auch alle gleich.“ Nicht an die Porträt-Wand kommt nur, „wer sich unten daneben benommen hat“. Keine Sorge: Das Raul-Foto hängt noch. Mittendrin.

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