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Die Toten des Grubenunglücks auf der Zeche Dahlbusch in Gelsenkirchen werden am 7. August 1955 in einem gemeinsamen Grab beigesetzt.

Abschied von der Steinkohle

Schwarzes Gold, aber oft tödlich

GELSENKIRCHEN - Mit dem Bergbau endet auch die dramatische und opferreiche Geschichte der Grubenunglücke.

Als stünden sie um einen Sarg herum, bereit zum letzten Geleit für einen Kameraden: Mit mahnendem Blick wachen vier mannshohe Bergleute aus Bronze auf dem Rotthauser Friedhof in Gelsenkirchen über die Gräber von 78 Bergmännern: Todesopfer eines Grubenunglücks am 20. Mai 1950 in der Zeche Dahlbusch. Einige Grabsteine sind an diesem Novembertag noch geschmückt – mit Gestecken, Kerzen oder frischen roten Rosen – 68 Jahre nach dem Unglück und in dem Jahr, in dem der deutsche Steinkohlenbergbau endgültig eingestellt wird.

Als damals – 1950 – der Trauerzug von der Zeche zum Friedhof zog, stand ein vier Jahre altes Mädchen mit seinen Eltern am Wegesrand. „Ganz Rotthausen war vertreten“, sagt die heute 72-Jährige, die an diesem Vormittag das Grab ihres Mannes besucht. „Es war ein riesiger Zug, eine große Prozession.“ Besonders in Erinnerung sei ihr der Kopfschmuck der Pferde geblieben, die die Leichenwagen zogen. Dass damals auch Bundespräsident Theodor Heuss zur Trauerfeier kam, daran erinnert sie sich nicht mehr.

Bereits 1943 waren auf Dahlbusch bei einer Explosion 34 Bergarbeiter gestorben. 1955 gab es ein weiteres Unglück mit 41 Toten. Wieder kam Theodor Heuss. „Der Bergmann wie der Seemann gehören zu den Urberufen der Menschheit. Sie stehen immer wieder in der unmittelbaren Berührung mit der Natur und ihren unheimlichen Kräften und Gefahren“, sagte Heuss in seiner Trauerrede – aufgeschrieben von einem Reporter der Wochenzeitung „Die Zeit“ im August 1955.

Zahl der Unglücke ist groß

Nicht jedes Unglück unter Tage endete tödlich. Wenige Monate zuvor, im Mai, waren drei Hauer nach dem Einsturz eines Schachtes in 850 Meter Tiefe eingeschlossen. Von einer tieferen Etage des Bergwerks aus wurde ein Loch zu den Kumpeln gebohrt. Schlosser der Zeche bauten eine torpedoförmige Rettungskapsel, die später „Dahlbuschbombe“ genannt wurde. In sie konnten sich die Bergleute hineinstellen und so gerettet werden. 1963 wurden im niedersächsischen Lengede mit einer solchen Kapsel elf Bergarbeiter heraufgeholt – aus der Erzeisengrube „Mathilde“. 2010 rettete eine Weiterentwicklung der Kapsel mit dem Namen „Fenix 2“ in Chile 33 Bergarbeiter aus fast 700 Metern Tiefe.

Immer wieder erschütterten schwere Unglücke den Steinkohlen-Bergbau. Der Bochumer Bergbauhistoriker Michael Farrenkopf schätzt die Zahl der allein bei Unglücken in Deutschland ums Leben gekommenen Bergleute auf über 10.000. Von einem Unglück sprechen die Montanhistoriker, wenn es mindestens zwei Tote gab. „Die Gefährdungssituation im Bergbau war immer eine besondere“, sagt der Leiter des Montanhistorischen Dokumentationszentrums. „Das große Problem ist das Methangas gewesen.“ Als Begleitstoff der Kohle tritt es aus, wenn die Kohle abgebaut wird. Dabei können sogenannte „schlagende Wetter“ entstehen, hochexplosive Luft-Gasgemische. Ein Funke reicht dann für eine „Schlagwetterexplosion“.

1908 kamen auf der Zeche Radbod in Hamm durch eine Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosion 350 Bergleute ums Leben. Das schlimmste Unglück in Deutschland geschah jedoch 1946 auf der Zeche Monopol, Schacht Grimberg 3/4 in Bergkamen. 408 Menschen starben. Unfassbar viele Tote gab es auch 1962 im Saarland. Auch hier waren schlagende Wetter verantwortlich für den Tod von 299 Bergleuten in der Grube Luisenthal in Völklingen.

Der nächste Serienteil erscheint am 8. Dezember. Dann geht es um Bergleute, die als türkische Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind. Alle Folgen im Internet unter:

Von der Zeche Dahlbusch in Gelsenkirchen-Rotthausen ist derweil nicht viel geblieben. 1966 wurde sie geschlossen, die Übertage-Anlagen weitgehend abgerissen. Wo früher die Schächte waren, sind jetzt Gewerbeflächen. Immerhin: Die „Zechenstraße“ gibt es noch. Und zumindest eine Fläche auf dem weitläufigen Zechenareal hat immer noch mit Kohle zu tun: Ein Essener Kohlenhändler hat dort vor ein paar Jahren einen Lagerplatz eingerichtet. Und auch die 1873 gegründete ehemalige Betreibergesellschaft der Zeche, die Dahlbusch AG, besteht noch: Als Beteiligungsholding eines großen Glasherstellers.

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