Adipositas - Ein Erfahrungsbericht

Mein Leben wurde 80 Kilo leichter

Dortmund - Katja Thomann erkrankte an Adipositas. Vor sechs Jahren ließ sie sich den Magen verkleinern. Doch das war nicht der letzte Eingriff bei ihr. Ein Erfahrungsbericht.

Katja Thomann war ein normalgewichtiges junges Mädchen, aufgewachsen in einer Familie, in der ansonsten jeder mit Übergewicht zu kämpfen hatte. Eine Großmutter, selbst äußerst stabil, nötigte das Kind "Du musst den Teller leer essen", auch wenn das Kind gar keinen Hunger mehr hatte. Ab der ersten Klasse nahm Katja ständig zu. Mit 13 Jahren und schon 1,81 Meter groß, wog sie 120 Kilo. In einer sechswöchigen Kur sollte Katja abspecken. "Damals hatte ich noch Volleyball gespielt, aber mir ist immer die Kniescheibe herausgesprungen, deshalb hat der Arzt mir das verboten", sagt sie.

Essgewohnheiten sind genetisch generiert

Eine ganze Familie mit Gewichtsproblemen - "auch Nahrungswahl und -verwertung sind genetisch generiert", so Professor Ulrich Bolder, Chefarzt der Chirurgie am St.-Johannes-Hospital und Thomanns Operateur. Die dicke Schülerin Katja Thomann aß später im Beruf "auch nicht das Richtige", wie sie zugibt. Dazu sei die fehlende Bewegung gekommen, und so aß und trank sich die Versicherungskauffrau durch Chips, Cola, Süßigkeiten und Nudeln mit Sahnesoße. Hänseleien auf der Straße begleiteten ihren Weg. "Schau mal, das dicke Vieh", musste Thomann hören und Blicke ertragen von Leuten, die sich nach ihr umdrehten.

Professor Bolder weiß um die Stigmatisierung seiner Patienten und findet das höchst ungerecht: "Erst vor wenigen Tagen operierte ich einen fettsüchtigen Mann, der vorher noch durch halb Spanien gelaufen ist." "Magersüchtige werden bedauert, Dicke beschimpft", ärgert sich Katja Thomann. Beide Erkrankungen seien chronisch und führten zu einem vorzeitigen Tod, so der Chefarzt.

Magenverkleinerung als letzter Ausweg zum Normalgewicht

2009 streikte Thomanns Körper, ihr Hautarzt diagnostizierte Bluthochdruck und schickte seine Patientin ins St.-Johannes-Hospital.

"Es war ein schwerer Gang", sagt Katja Thomann, "für mich war es eine Niederlage, dass ich dorthin gehen musste, um Normalgewicht zu bekommen". Der Gesetzgeber sieht eine Magenverkleinerung als Ultima Ratio, als letzten Lösungsweg, wenn ansonsten alle Möglichkeiten zur Gewichtsreduzierung ausgeschöpft sind

Die Krankenkassen haben hohe Hürden vor den Eingriff gesetzt. Ernährungsumstellung und regelmäßige Bewegung gehören dazu. Katja Thomann verlor über Monate vor dem Eingriff 25 Kilo und ging regelmäßig Schwimmen.

Satt nach einer Schnitte Brot

Mit 150 Kilogramm Gewicht wurde sie stationär aufgenommen. Eineinhalb Stunden dauerte der Eingriff. Bei der sogenannten Schlauchmagen-OP verkleinerte Professor Bolder ihn auf ein Zwanzigstel des ursprünglichen Volumens. Nur 40 bis 50 Milliliter Nahrung passen jetzt noch in ihren Magen.

Satt ist Katja Thomann schon nach einer Schnitte Brot. Sie wurde zur Vegetarierin und bestellt in Restaurants Kinderteller. "Ich habe einen eingebauten Auto-Stopp", scherzt sie glücklich. Ihr Bluthochdruck ist kein Thema mehr. Allein am Joho gibt es inzwischen vier Adipositas-Selbsthilfegruppen mit je rund 20 Mitglieder und eine 200-köpfige Facebook-Gruppe. Alle geben sich den nötigen Halt fürs neue, normalgewichtige Leben.

Nach der Magenverkleinerung folgt die Hautstraffung

Die Magenverkleinerung war nicht Thomanns letzte Operation. Der Gewichtsverlust von 80 Kilogramm hinterließ viel überschüssige Haut, die jetzt noch operativ gestrafft werden muss. Doch die Kostenübernahme für die Anschluss-Operationen genehmigte die Krankenkasse erst nach langen Auseinandersezungen, auch vor Gericht.

Professor Ulrich Bolder, Chefarzt der Chirurgie am St.-Johannes-Hospital, nennt eine Schnittlänge von 2,70 Metern entlang von Bauch, Oberkörper, Armen und Beinen. Die Magenverkleinerung nahm Bolder im Jahr 2012 vor,der erste Eingriff zur Hautstraffung erfolgte erst jetzt im Januar. In größeren Abständen folgen noch etliche Hautstraffungen bei ihr.

Heute ist Katja Thomann ist das, was der Volksmund eine stattliche Frau nennt: 1,90 groß und 100 Kilogramm schwer. Es waren einmal 80 Kilo mehr. Katja Thomann ist glücklich.

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