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Rony (20, l.) lernt, wie man ein Fahrrad verkehrstüchtig bekommt.

Fit für Alltag und Arbeitswelt

Junge Flüchtlinge: „Angekommen“ im deutschen Herbst

KREIS RE - Wie schmecken Äpfel? Wie fühlen sich Blätter, hört sich das Rascheln von Laub an? Wie riecht Moos und was gehört noch alles zum Herbst? Mit einem Spaziergang klären die pädagogischen Mitarbeiter des Projekts „Angekommen“ dieser Tage nicht etwa Grundschulkinder über die Jahreszeit auf, sondern junge Flüchtlinge und zugewanderte Menschen im Alter von 16 bis 25 Jahren.

„Viele Flüchtlinge kennen den Herbst aus ihrer Heimat nicht“, erklärt Anna Lordieck, die die Projektwoche in den Ferien an der Recklinghäuser Kurfürstenwallschule derzeit mit betreut. Die Herkunftsländer, das sind etwa Syrien, Afghanistan, Eritrea, Irak, aber auch Rumänien. Länder, aus denen junge angehende Erwachsene geflüchtet sind, weil sie teilweise Schlimmes erlebt haben.

„Das Ankommen in einer neuen Lebensumgebung ist für Menschen mit Fluchterfahrung ein Prozess mit vielen Hürden“, heißt es vom Kreis, der das Projekt „Angekommen in deiner Stadt“ in 2016 mit der Walter-Blüchert Stiftung und dem Schulministerium NRW auch im Kreis Recklinghausen aus der Taufe gehoben hat. Das Ziel, die rund 30 Teilnehmer der aktuellen Recklinghäuser Projektwoche gesellschaftlich zu integrieren, sei gerade bei so heterogenen Gruppen schwierig, so Lordieck. Neben gravierenden Unterschieden bei den Sprachkenntnissen prägten ganz unterschiedliche Erfahrungen und Biografien diese jungen Menschen. Deshalb bieten die Macher im Zentrum der „Begegnung und Bildung“ an der Kurfürstenwallschule derzeit drei ganz unterschiedliche Bausteine an.

Der 20-jährige Rony etwa interessiert sich fürs Fahrradfahren und möchte später gerne mal selbst Hand anlegen können. Also lernt er bei Sozialarbeiter Andreas Schwarzer, der ehrenamtlich mit von der Partie ist, wie man einen Drahtesel wieder verkehrstüchtig macht. „Platte Reifen, defektes Licht, fehlende Schutzbleche und Klingel – das Ding war gar nicht mehr fahrtauglich“, erklärt Schwarzer den praktischen Teil. Der freilich hat noch einen ganz anderen Hintergrund: Rony lernte beim Erstellen einer Bestandsliste und dem gemeinsamen Ersatzteil-Einkauf auch viele fachspezifische deutsche Wörter, etwa über Verschleißteile und verschiedene Werkzeuge.

Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, das will auch Anna Lordieck mit ihrer Deutsch-Kreativwerkstatt. Ihren Deutschunterricht baut sie so auf, dass die Teilnehmer am Ende der Woche Herbstmotive wie Laub oder Igel aus Tonpapier ausschneiden und darauf ein selbst geschriebenes kurzes Gedicht präsentieren können. Mit der Pünktlichkeit nehmen es die „Schüler“ allerdings nicht so genau – auch etwas, das wie viele andere Regeln erst einmal an andere Kulturkreise vermittelt werden muss. Aber, sagt Lordieck, „die Teilnahme hier ist freiwillig und Termine zum Beispiel im Jobcenter oder zum Übersetzen für Familienmitglieder gehen immer vor“.

In der Turnhalle indes geht es schon hoch her: Hier zeigt Nils Heidenreich, ebenfalls pädagogischer Mitarbeiter, den jungen Menschen Tricks und Kniffe der Selbstverteidigung – mit einer wichtigen Botschaft: „Schlag und Abwehr statt Schlag und Gegenschlag“. Bei den oft schlimmen Erfahrungen, die die Zuwanderer teilweise in ihrer Heimat gemacht haben, sei es wichtig zu lehren, dass man sich auch ohne Gewalt verteidigen könne. Und für Mädchen wie Haya sorge die Kampfkunst gleichzeitig dafür, sich in der dunklen Jahreszeit ohne Angst draußen bewegen zu können. Denn nicht nur den Herbst müssen die Zuwanderer kennenlernen, sondern auch ein Leben ohne Angst.

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