+
Sophie (r.) und ihre Freundin Lisa sind fasziniert von den Spuren der Vergangenheit, die versteckt im Wald vor sich hinschlummern.

Alte Grabstätte für Adelige

Der vergessene Friedhof im Westerfilder Wald

WESTERFILDE - Vermooste Grabplatten, dicke Spinnweben, umgestürzte schmiedeeiserne Gitter - mitten im Westferfilder Wald liegt ein vergessener Friedhof. Einst wurden dort Adelige begraben. Heute holt sich die Natur den geheimnisvollen Ort zurück.

Verlassene Orte – die Bezeichnung hat kaum jemals besser gepasst als bei dem Ort, den Sophie mit ihren Eltern versteckt im Westerfilder Wald entdeckt hat: schummriges Licht, vermooste Steinplatten, Spinnweben, schmiedeeiserne Gitter, gruselige Stimmung. Kein Weg führt zu diesem geheimnisvollen Platz, der einmal eine achteckige Grundform gehabt haben muss.

Auch ohne Kreuz und Grabsteine ist das Rondell als Friedhof erkennbar, ein zum Schloss Westhusen gehörender Friedhof für die Familie, ein sogenanntes Erbbegräbnis. Das Eingangstor hängt in den Angeln, im hohen schmiedeeisernen Zaun klaffen große Lücken, Bäume haben ganze Teile umgeschoben, an anderen Stellen sind die Zinken in die Stämme eingewachsen. Steine der flachen Mauer, die das regelmäßige Achteck als Sockel für den Zaun einfriedet, liegen verstreut ringsum.

Friedhof durch Zufall entdeckt

Verwitterte und von Flechten bedeckte Steine verstecken sich unter Laub und morschen Ästen neben halboffenen Gruften, durch die Mäuse flitzen. „Die Dracula-Filme der 70er-Jahre hätten dort gedreht worden sein können“, sagen Sophies Eltern Martina und Frank Grützenbach.

Die Familie hatte den privaten Friedhof durch Zufall bei einem Streifzug durch den Wald entdeckt. Die geheimnisvolle Atmosphäre faszinierte sie und weckte viele Fragen. „Leider wissen wir nur sehr wenig über die Begräbnisstätte“, sagt Dr. Henriette Brink-Kloke, Chef-Archäologin der Stadt.

Archäologin: "Die Grabstellen sind inzwischen geplündert"

Fest steht, dass zum Haus Westhusen einmal eine Kapelle gehörte, die etwas abseits lag und eine Begräbnisstätte einschloss. Die Flurstücke „Auf dem Kirchhof“ und „Totenacker“ zeugen davon. Überreste konnten die Denkmalschützer aber nicht entdecken. Irgendwann wurde die Kapelle baufällig, die Adelsfamilie ließ 1846 eine neue Begräbnisstätte anlegen. „Wir wissen, dass vier Grabsteine – der älteste von 1697 – zu diesem neuen Friedhof gebracht wurden. Eine Umbettung der Verstorbenen fand aber nicht statt.“

Das neue Erbbegräbnis muss damals über einen Weg erreichbar gewesen sein und war eventuell sogar in die Park- und Gartenanlage des Schlosses eingebunden. Von all dem ist nichts erhalten, für eine Unterschutzstellung ist es zu spät. „Die Grabstellen sind inzwischen geplündert“, bedauert Henriette Brink-Kloke. „Der Friedhof wird wohl ein Teil der Natur werden.“ Damit das ungestört passieren kann, nennen wir hier nicht den genauen Ort.

Als Naturdenkmal geschützt sind lediglich zwei alte Begleiter: Eine etwa 100-jährige, dreistämmige Linde mit Stammumfängen von je drei Metern und eine ebenso alte und dicke Hängebuche. Ein früheres Eingreifen hätte eventuell ein einzigartiges und malerisches Kulturdenkmal erhalten können. In einer Dokumentation zum Schloss von Karl Hoecke ist der Friedhof näher beschrieben.

In der Mitte des in oktagonaler Form angelegten Erbbegräbnisses stand demnach ein hohes Steinkreuz, umgeben von elf Grabstellen mit „künstlerisch beachtenswerten Grabplatten“, wie der Heimatforscher 1962 schreibt. Die vier ältesten aus der Familienkapelle bedeckten leere Gräber. Einige dieser Steine finden sich heute in der alten Kapelle Wischlingen.

Wasserschloss ist heute Seniorenresidenz

Tatsächlich im Wald beigesetzt wurden Mitglieder der Familie von Sydow, die seit 1743 Herren des Hauses waren. Kammerherr Conrad von Sydow hatte den Familienfriedhof geplant und angelegt. Die letzte und einzige Tote, die im 19. Jahrhundert dort begraben wurde, ist das 1886 verstorbenen Freifräulein Wilhelmine von der Borch, die nicht zur Familie Sydow gehörte. Sie erhielt als einzige ein aufrechtes Grabdenkmal, das aber ebenfalls nicht mehr auffindbar ist.

Das Wasserschloss selbst wurde im 14. Jahrhundert durch von Gerlach Specke zu Westhusen gebaut. Nach Zerstörung, Neuaufbau und mehrfachem Umbau erhielt das Schloss Ende des 19. Jahrhunderts sein heutiges Aussehen. Seit 1992 wird das Wasserschloss als Seniorenresidenz genutzt. Das Gebäude befindet sich in Privatbesitz, die umliegenden Flächen sind städtisches Eigentum.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare