Anti-AfD-Aktion im Kreuzviertel

Maurer kämpft mit Fähnchen in Hundehaufen gegen Rechts

Dortmund - Was kann ein einfacher Bürger schon gegen den Rechts-Drift der Gesellschaft tun? So dachte Benjamin Belgardt lange. Dann holte die AfD bei der Bundestagswahl 12,6 Prozent der Stimmen. Seitdem kämpft der Dortmunder im Kreuzviertel für Toleranz und Freiheit. Seine Waffen: Schaschlikspieße, Papierschnipsel - und Hundehaufen.

Seit der Flüchtlingskrise 2015 tobt in Deutschland ein Kampf um die Köpfe und Herzen der Bürger: Sind wir offen gegenüber den Neuankömmlingen und nehmen sie auf oder schotten wir uns ab und schicken sie weg? Es ist ein Ringen auf den obersten Ebenen der Bundesrepublik, noch mehr in Freundeskreisen und in der eigenen Familie.

Im Kreuzviertel kann man den Kampf im Kleinen dieser Tage gut beobachten: Erst am Mittwoch lagen vor den Türen einiger Kreuzviertler Werbeexemplare einer AfD-nahen Zeitung, mit Artikeln wie "Der Pott ist im Eimer - wie Masseneinwanderung das Ruhrgebiet verändert hat" oder "Übergriffe auf Christen in Deutschland nehmen zu". Und wenn die Anwohner durch die Straßen ihres Quartiers gehen, passieren sie auf dem Weg blau angesprühte Hundehaufen, in denen kleine Papier-Fähnchen stecken, mit Aufschriften wie "Wir mögen es bunt, nicht einseitig braun!" und "Möchtest du unsere Straßen wirklich diesem braunen Haufen überlassen???"

Schon 300 Hundehaufen mit Fähnchen gekrönt

Die Zeitung kommt von einer Stiftung aus Stuttgart. Die Fähnchen sind das Werk von Benjamin Belgardt. Etwa 300 Hundehaufen hat der 37-jährige Kreuzviertler in seiner Nachbarschaft schon mit den politischen Botschaften gespickt. Auf der Facebook-Seite "Flagge zeigen 2018" dokumentiert er die Ergebnisse seiner Aktion.

Belgardt sagt von sich, er sei ein "stinknormaler Bürger". Der gelernte Maurer, der als Bauleiter bei einer Architekturfirma arbeitet, ist in keiner Partei, engagiert sich nicht ehrenamtlich. Er hat einfach nur genug. Von der immer offener propagierten Fremdenfeindlichkeit im Allgemeinen. Und der AfD im Speziellen.

Lautstarke AfD-Diskussion zufällig mitgehört

Es war ein zufällig mitgehörtes Gespräch, das Belgardts Verwandlung zum Aktivisten einleitete. Ein paar Wochen vor der Bundestagswahl war er mit seiner Frau essen in einem Restaurant um die Ecke, als er eine Diskussion zwei Tische weiter mitbekam.

Dort redeten zwei Paare - "alle so um die 50", sagt Belgardt - lautstark über Politik. Eine der Frauen am Tisch sagte, sie wolle die AfD wählen und dass das nichts mit rechts zu tun habe. "Da wurde mir klar, dass dieses Gedankengut vor meiner Haustür angekommen war - mitten im bürgerlichen Kreuzviertel", erinnert sich der 37-Jährige.

"Das ist Nazi-Rhetorik"

"Die AfD ist für mich ein hellblau eingefärbtes Sammelsurium von Rechtspopulisten und Rechtsradikalen", sagt Belgardt. "Wenn man sich nur anhört, was die von sich geben, da kann man sich nur an den Kopf packen. ?Denkmal der Schande' oder das Schwadronieren über Schießbefehle an der deutschen Grenze - das ist Nazi-Rhetorik."

Als am Wahlabend feststand, dass die AfD aus dem Stand drittstärkste Partei im neuen Bundestag wurde, war Belgardt fassungslos: "12,6 Prozent sind eine Katastrophe!" Er wollte was tun, doch gleichzeitig fühlte er sich mutlos. "Vorher dachte ich immer: ?Das bringt doch alles nichts, ich bin nur ein kleines Rädchen, das alleine nichts bewegen kann.'" Doch seine Frau sah das anders. "Sie sagte mir, dass was Kleines zu machen besser ist als gar nichts zu machen."

"Das mit dem ?braunen Haufen' ist eine Steilvorlage"

Unter dem Eindruck dieses Gesprächs fiel ihm am nächsten Tag ein Hundehaufen vor seiner Haustür auf. Da kam ihm die Idee mit den Spruch-Fähnchen und den braunen Haufen. "Ich bin gefühlt immer der erste, der da reintritt, also dachte ich mir: ?Warum nicht zwei Übel miteinander verbinden?'"

Die Sprüche waren schnell ausgedacht, "das mit dem ?braunen Haufen' ist schließlich auch eine Steilvorlage", sagt Belgardt und lacht dabei. Dann funktionierte er sein Arbeitszimmer zu Hause in eine Fähnchen-Werkstatt um. Er druckte die Sprüche auf Papier aus. Damit seine Botschaften nicht schon nach dem ersten Regen unleserlich wurden, laminierte der Handwerker sie mit durchsichtigem Klebeband. Er spannte Bahnen von transparentem Paketband von der einen zur anderen Ecke des Raums und legte die Zettel auf sie. Schließlich steckte er die regenresistenten Zettel auf kleine Holz-Schaschlikspieße aus dem Supermarkt. So entstanden Hunderte kleine Fähnchen.

Jedes Wochenende zwei Stunden durch das Kreuzviertel

Jedes Wochenende zieht Belgardt nun zwei Stunden lang durch sein Viertel und steckt seine Botschaften in die Hinterlassenschaften der Hunde. Findet er alte Fähnchen, nimmt er sie mit nach Hause und entsorgt sie.

Seit kurzem färbt er die Hundehaufen auch hellblau ein, mit einem Markierspray vom Bau, das nach vier Wochen wieder verschwindet. So sieht man die Haufen besser - und dass sie dann die Parteifarbe der AfD haben, ist kein Zufall. Außerdem hat er Hundebeutelspender gezimmert und im Viertel aufgehängt, bedruckt mit Grundgesetz-Artikeln.

Womit man beim Kern von Belgardts Überzeugungen ist: "Ich will nicht gegen etwas sein, sondern für etwas, nämlich Freiheit und Toleranz", sagt er. "Ich finde die Demokratie total geil, da macht aber keiner Werbung für. Wir haben eine der besten Verfassungen der Welt, es ist ein Privileg, in so einer Demokratie zu leben. Doch das alles funktioniert nur mit Toleranz."

Das lernte Belgardt schon von klein auf. Er wuchs in einer Großfamilie im Sauerland auf, als eines von sieben Geschwistern. "Da lernt man schnell, sein Plätzchen in der Gemeinschaft zu finden."

Sein Vater arbeitete als ITler, die Mutter war Hausfrau. Viel Geld war nicht da, große Urlaube waren da nicht drin. "Ich wurde wurde liberal und weltoffen erzogen", sagt Belgardt. "Meinem Vater war immer wichtig, dass sich seine Kinder eine eigene Meinung bilden." Das artete manchmal in Schreiereien am Esstisch aus. "Wir waren ein echter Debattierclub."

"Das Eintönige, Einfarbige wird dem Leben nicht gerecht"

Für die Ausbildung kam Belgardt nach Dortmund. Er zog zuerst in die Nordstadt, fand Freunde. Besonders genoss er die Vielfalt des Viertels, in dem Menschen aus über 120 Ländern leben: "Ich mag es, wenn es in meiner Stadt bunt zugeht. Das Bunte bringt ganz unterschiedliche Sichtweisen, das Eintönige, Einfarbige wird dem Leben nicht gerecht."

Genau dieses Bunte, für das für ihn auch das Grundgesetz steht, sieht der Kreuzviertler gerade gefährdet: Deshalb dreht Belgardt weiter jedes Wochenende seine Runden, besprüht Hundehaufen und verteilt Fähnchen. Bisher hat er dabei nur Zuspruch bekommen. Lediglich an einem seiner Hundebeutelspender wurde einmal der angebrachte Grundgesetzartikel abgerissen. "Da mochte wohl jemand das Grundgesetz nicht", sagt er.

Noch ist Belgardt ein Einzelkämpfer. Doch er hofft auf Nachahmer. "Wenn unsere Verfassung bedroht wird, muss man die Klappe aufreißen."

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