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Im Garten des Dattelner Elisabeth-Hospizes: Die ehrenamtlichen Mitarbeiter Peter Weidensee und Manuela Mayerhofer (r.) sowie Sozialarbeiterin Irene Müllender, die das Vorbereitungsseminar für die Helfer mitleitet.

Hospizbewegung Teil 6

Auch Fußball kann das Eis brechen

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Ehrenamtliche Mitarbeiter im Hospizdienst werden in einem Kurs gründlich auf die Begleitung von unheilbar Kranken vorbereitet. Der konkrete Kontakt zu den Patienten geschieht allerdings oft sehr individuell.

Als Peter Weidensee in Rente ging, suchte er nach einem neuen Betätigungsfeld – und landete nach kurzen Umwegen beim Elisabeth-Hospiz in Datteln. Hier ist er nun inzwischen seit fünf Jahren mit viel Engagement als einer von 15 ehrenamtlichen Helfern aktiv. „Vom Frühstückreichen und Rollstuhlschieben bis zu Sitzwachen und Sterbebegleitung – die Arbeiten im Hospiz sind für mich Herzensaufgaben“, sagt der 67-Jährige. Seine Begeisterung ist groß – und das, „obwohl ich von Hospiz-Arbeit vorher keinen Plan hatte“, wie Peter Weidensee schmunzelnd zugibt. 

So war für den gelernten Architekten eine wichtige Hilfe auf dem Weg zum Hospizdienst die Ausbildung: „Daher habe ich mein Handwerkszeug – was Hospizarbeit ist, die Sensibilisierung im Umgang mit Sterbenden, die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod . . .“ „Vorbereitungsseminar für ehrenamtliche Tätigkeit im Hospizdienst“: So heißt die Ausbildung, die in Datteln von Irene Müllender, Sozialarbeiterin im Hospiz, und Irmgard Finke vom Ambulanten Hospizdienst Datteln geleitet wird. An zehn bis zwölf Abenden und in einer ganztägigen Einheit stehen zentrale Themen für die jeweils etwa zehn Teilnehmer auf dem Programm: „Es geht um Trauer und Abschied, Kommunikation und Gesprächsführung. 

Den spirituellen Teil übernimmt Krankenhausseelsorger Hermann-Josef Block. Wir sprechen auch darüber, was man als Ehrenamtlicher bei der Begleitung tun kann, über die Wünsche Sterbender, die von den Wünschen der Begleiter zu unterscheiden sind. Und da ist die Biografie der Ehrenamtlichen – welche Aspekte hier für die Begleitung problematisch werden könnten“, berichtet Irene Müllender. Auch das Wohlergehen der Helfer ist Thema: „Es geht um Achtsamkeit, wie sie sich selbst schützen können, gegebenenfalls Unterstützung erhalten. Da ist auch das Thema ,Nähe – Distanz‘ wichtig: Wie viel Nähe halte ich aus? Wie viel Distanz brauche ich?

 Letztlich müssen hier Grenzen anerkannt werden, um nicht von der Aufgabe ausgelaugt zu werden“, erläutert die Sozialarbeiterin. Doch bei aller Sorgfalt, mit der die Ehrenamtlichen im Hospizdienst ausgebildet werden, sieht Iris Müllender hier auch Grenzen: „Der Kurs kann nur Themen anreißen, allgemeines Rüstzeug liefern. Im Umgang mit den Patienten läuft dann vieles über den Bauch.“ Peter Weidensee bestätigt: „Die konkrete Strategie – das passiert vor Ort.“ Dabei ergebe sich der Umgang mit den Patienten oft von selbst: „Ich bin zum Beispiel Schalke-Fan – und das weiß man hier im Hospiz auch. Als ich einmal in das Zimmer eines Gastes kam, lag da eine BVB-Decke.“ Und nach zwei, drei flapsigen Bemerkungen war „das Eis gebrochen“, erinnert sich Weidensee. Manuela Mayerhofer berichtet Ähnliches: „Bei einer Patientin stand ein Rosenquarz auf der Fensterbank – und ich sammel auch Steine. Da war der Kontakt natürlich da“, erzählt die 58-Jährige, die seit 2002 ehrenamtlich im Hospizdienst aktiv ist.

Dabei arbeitete Manuela Mayerhofer zunächst ein Jahr im stationären Bereich mit, seit 2003 unterstützt sie den Ambulanten Hospizdienst Datteln. „Der intimere Bereich der Wohnungen ist mir lieber als das Hospiz“, erklärt Mayerhofer, die hauptberuflich im Altenheim in der Demenzbegleitung tätig ist. Welcher Ehrenamtliche mit welchem Patienten zusammenkommt, ist kein Zufall.

Irene Müllender für den stationären und Irmgard Finke für den ambulanten Bereich achten bereits bei den Erstgesprächen auf mögliche gemeinsame Ansatzpunkte. „Und hier wird ja auch schon klar, welchen Auftrag wir von den Patienten oder ihren Verwandten bekommen, was gewünscht ist: zum Beispiel ,nur‘ Dasein, Gespräche mit den Patienten oder auch Angehörigenbetreuung“, sagt Irene Müllender. So ist die Begleitung der unheilbar Kranken sehr unterschiedlich, wie Manuela Mayerhofer aus ihrer langjährigen Erfahrung weiß. Auch unterschiedlich schwierig, zum Beispiel was die psychische Situation des Patienten betrifft. „Manche der Kranken sind sehr verschlossen, da ist dann auch der Austausch mit anderen Ehrenamtlichen sinnvoll, um gemeinsam Lösungen für Kontakte zu überlegen. Und Manche sind offen und sagen: ,Ich hatte ein schönes Leben, ich kann jetzt gut gehen‘“, berichtet Manuela Mayerhofer. „Andere machen sich Sorgen um ihre Angehörigen und manchmal gibt es auch noch Probleme, die im Raum stehen, Familienstreitigkeiten zum Beispiel.“

„Die gilt es dann zu besprechen. Denn wenn noch etwas offen ist, ist es schwierig zu gehen“, ergänzt Peter Weidensee. „Und nicht immer lassen sich die Schwierigkeiten lösen – das müssen dann auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter akzeptieren und aushalten“, weiß Irene Müllender. Ein bisweilen schwieriger Job. Doch Peter Weidensee und Manuela Mayerhofer lassen keinen Zweifel daran, dass ihre Tätigkeit wichtig und wertvoll für sie ist. 

„Das ist eine Bereicherung: Ich habe hier viel über mich selbst gelernt, gerade im spirituellen Bereich viele Anregungen erhalten. Auch der Austausch mit den anderen Ehrenamtlichen ist mir wichtig“, sagt Manuela Mayerhofer. Auch Peter Weidensee betont, dass die Arbeit sein Leben verändert hat: „Ich sehe Dinge gelassener, rege mich nicht mehr so über alltägliche Sachen auf. Auch das Schmieden von Plänen ist relativer geworden“, sagt der 67-Jährige mit Blick auf die Endlichkeit, die er im Hospiz erlebt. „Da erscheint dann vieles anders“, bestätigt Irene Müllender. Als belastend empfindet Peter Weidensee seine Hospiz-Arbeit gar nicht, im Gegenteil: „Ich erhalte viel zurück – Lächeln, Zufriedenheit. Und ich kann mich in die letzte Lebenszeit anderer Menschen einbringen, sie erleichtern.“

Wie möchten Sie sterben?

„Ich würde mich gerne zu Hause von mir wichtigen Menschen verabschieden“, sagt Manuela Mayerhofer. „Und mir ist es wichtig, aufgeräumt zu gehen. Das betrifft das Äußere ebenso wie die Seele – mit innerem Frieden, keinen dunklen Ecken, einem reinen Gewissen.“ Für Manuela Mayerhofer ist es ganz klar, dass es nach dem Tod weitergeht. „Das ist ein Trost für mich.“

Peter Weidensee würde gerne „möglichst zuhause, sonst im Hospiz“ sterben. Dabei ist es ihm wichtig, sich aufgehoben zu fühlen, nicht allein zu sein, möglichst vertraute Menschen um sich zu haben. Freuen würde es ihn, wenn er vor dem Tod nicht leiden müsste. Vor dem Tod selbst hat er keine Angst, „er gehört zum Leben“.

Irene Müllender wünscht sich, im Herbst oder in der Osterzeit zu sterben. „Im Herbst vergeht die Natur, er ist bunt, die Früchte werden sichtbar – eine schöne Natur-Analogie. Und auf die Kar-Tage folgt das erlösende Ostern – verbunden mit dem Wunsch, dass es weitergeht.“ Wichtig wäre Irene Müllender nicht ein bestimmter Ort, sondern eine private Atmosphäre – „mit guter Begleitung durch vertraute Menschen und nicht in der Hektik eines Krankenhaus-Mehrbettzimmers.“

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