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Nach dem gescheiterten Auftragsmord führte der 45-Jährige ein unauffälliges Leben. Hier sitzt er neben einer Übersetzerin im Landgericht.

Auftragskiller

Der lange Arm und Atem der deutschen Justiz

ESSEN/BOTTROP - Mehr als 17 Jahre nach einem gescheiterten Auftragsmord wird einer der Täter doch noch verurteilt. Er war in Russland untergetaucht.

Es gleicht einem Wunder, dass Kristof K. noch lebt. Am 6. Februar 2001 wurde in Bottrop zweimal auf ihn geschossen – aus nächster Nähe. Ein Schuss durchschlug seinen Arm, der andere streifte sein Ohr. Die Täter: zwei Männer aus Weißrussland. Einer von ihnen ist am Dienstag zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Der andere ist weiter auf der Flucht. Es war im Frühjahr 2016, als der Angeklagte doch noch von seiner Vergangenheit eingeholt wurde. Er war auf dem Moskauer Flughafen, als plötzlich die Handschellen klickten. Ein Jahr lang saß er in russischer Auslieferungshaft – mit bis zu 65 anderen auf einer Zelle. „Das deutsche Gefängnis ist dagegen fast ein Sanatorium“, sagte er den Richtern am Essener Schwurgericht.

„Ich war jung und brauchte das Geld“

Es waren Schulden aus einem dubiosen Autogeschäft, die ihn Anfang 2001 fast zum Mörder werden ließen. „Ich wusste, dass in Deutschland ein Mann umgelegt werden sollte“, sagte er im Prozess. Er selbst sei aber nur dabei gewesen, habe nicht geschossen. „Ich musste da mitmachen“, so der 45-Jährige. „Man hat mich und meine Familie bedroht.“

Zwei Nächte hatte er damals mit seinem Komplizen in einem Bottroper Hotel verbracht. Das spätere Opfer hatte er nie zuvor gesehen. Es gab nur ein Foto. Das hatte er sich eingeprägt. Kristof K. war auf dem Weg zur Arbeit, als er auf die beiden Auftragskiller traf. „Ich habe erst gar nicht erkannt, dass einer eine Waffe hatte“, sagte er den Richtern. „Ich dachte erst, es sei ein Stock.“ Um seinen Kopf zu schützen, habe er deshalb auch sofort seine Arme hochgerissen. Dann rannte er los – blutend und schreiend. Bis zu seiner Arbeitsstelle. Einer der Täter war ihm noch hinterhergerannt, hatte die Verfolgung dann aber abgebrochen.

Die Tatwaffe wurde später in einem Gebüsch gefunden. Ein russischer Armeerevolver mit einer abenteuerlichen Schallschutz-Konstruktion. Die Täter hatten eine Plastikflasche über den Lauf geschoben, sie dann mit einem Handtuch und Klebeband umwickelt. Der Angeklagte und sein Komplize waren anschließend sofort nach Polen geflüchtet und von dort in ihre weißrussische Heimat abgeschoben worden. Mindestens 10.000 Euro waren ihnen für den Auftragsmord versprochen worden. Ob sie gezahlt wurden, ist unbekannt.

Der 45-Jährige hatte anschließend ein völlig unauffälliges Leben geführt. Er ist in zweiter Ehe verheiratet, hat einen 15-jährigen Sohn, verdiente sein Geld als Tattoo-Künstler. Die letzten Jahre lebte er in Russland, nahe Moskau. Als er im Gerichtssaal auf sein damaliges Opfer traf, entschuldigte er sich und sagte: „Ich war jung und brauchte das Geld.“ Und: „Ich habe für Dich gebetet.“

Mord verjährt nicht

Das Urteil des Essener Schwurgerichts lautet auf Mordversuch.

Da Mord nicht verjährt, war auch eine Verurteilung nach mehr als 17 Jahren möglich.

Der mutmaßliche Versicherungsbetrug, in den das Opfer möglicherweise verwickelt war, kann dagegen nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden.

Die einjährige Auslieferungshaft in Russland wird wegen der schlechten Haftbedingungen mit zwei Jahren auf die Strafe angerechnet.

Hintergrund der Tat war offenbar ein geplanter Versicherungsbetrug. Kristof K. hatte eine Lebensversicherung über 800.000 Euro abgeschlossen, auf die es der eigentliche Auftraggeber des Mordversuchs, der bereits 2001 zu zehn Jahren Haft verurteilt worden ist, offenbar abgesehen hatte. Richter Jörg Schmitt sprach bei der Urteilsverkündung von einer „schlimmen Tat“. Dass der Angeklagte über 17 Jahre nach der Tat doch noch verurteilt werden konnte, sei aber auch ein großer Erfolg. „Das zeigt, dass der Atem der deutschen Justiz durchaus lang sein kann“, so Schmitt. „Und der Arm auch.“

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