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Der Unfallschaden sollte auf jeden Fall per Foto dokumentiert werden.

Bagatellschäden

„110“ hilft auch bei Kratzern

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KREIS RECKLINGHAUSEN - Bei Blechschäden können Unfallbeteiligte allerdings auch auf die Polizei verzichten. Aber wäre das klug?

Zu sehen war nur ein Kratzer am Stoßfänger. Ein klassischer Bagatellschaden – scheinbar. Die Unfallgegner tauschten ihre Personalien aus und verzichteten darauf, die Polizei zu rufen. Doch als der Geschädigte sich wieder hinter das Steuer setzte, fiel ihm ein merkwürdiges Fahrverhalten seines Wagens auf. Eine Fachwerkstatt konstatierte später einen Schaden von 5000 Euro. Dieser Fall stammt aus der Arbeitspraxis von Ludger Tillmann. Der Hertener ist Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Versicherungskaufleute für Nordrhein-Westfalen.

Das Beispiel zeigt: Die Frage, ob ein Bagatellschaden vorliegt, ist häufig gar nicht leicht zu beantworten. Fakt ist: Wenn nach einem Unfall die Beteiligten zu der Erkenntnis gelangen, dass der Schaden gering und die Schuldfrage eindeutig geklärt ist, kann auf eine Unfallaufnahme durch die Polizei verzichtet werden. „Ich würde allerdings immer empfehlen, die Polizei hinzuzuziehen“, sagt Versicherungsexperte Ludger Tillmann.

Die Bagatellgrenze liegt bei etwa 750 Euro

Von einem Bagatellunfall wird gesprochen, wenn keine Menschen verletzt worden sind und nur leichter Sachschaden entstanden ist. In der Regel sind dies Kratzer, Dellen oder Schrammen an der Karosserie. Eine feste Bagatellschadensgrenze, also die Höhe der notwendigen Reparaturkosten, ist gesetzlich nicht fixiert. Allerdings legte der Bundesgerichtshof (BGH) im Jahr 2004 einen Betrag von 700 Euro fest. Gerichte haben vereinzelt aber auch schon andere Werte angesetzt und die Grenze auf 750 Euro angehoben. Alle Reparaturen, die über dieser Spanne liegen, werden üblicherweise nicht mehr als Bagatellschaden betrachtet.

Im Zuständigkeitsbereich der Kreispolizeibehörde (Kreis RE, Bottrop) sind im vergangenen Jahr 14.778 Unfälle mit leichten Sachschäden von den Ordnungshütern aufgenommen worden. Das sind knapp 70 Prozent aller registrierten Karambolagen. Die Zahl belegt nach Einschätzung von Andreas Wilming-Weber, dass die Polizei in der Regel schon gerufen wird, wenn es gekracht hat. „Und das gehört auch zu unseren Aufgaben“, betont der Sprecher des Polizeipräsidiums Recklinghausen.

Wenn der Verursacher den Spieß umdreht…

Im Internet kursieren Informationen, dass die Beamten bei einem Bagatellschaden nicht verpflichtet seien, den Unfall offiziell aufzunehmen. Dem widerspricht Wilming-Weber. Sein Fazit: Wenn sich die Unfallbeteiligten einig sind, sei das okay. Wenn es allerdings Differenzen zum Hergang des Geschehens gebe oder der Verdacht auf Drogen- oder Alkoholeinfluss bestehe, sollte unbedingt die 110 gewählt werden. „Dann kommt die Polizei raus und nimmt den Unfall auf.“ Wer als Fahrer eines Miet- oder Firmenfahrzeugs in eine Karambolage verwickelt sei, sei sowieso immer gut beraten, die Polizei hinzuzuziehen.

Auch die Versicherer haben es lieber, wenn Unfallschäden und -hergang von behördlicher Seite offiziell protokolliert werden. „Das hilft bei der Schadensregulierung“, betont BDV-Sprecher Ludger Tillmann. Der Experte kennt Fälle, in denen aus einer vermeintlich geklärten Schuldfrage plötzlich ein Rechtsstreit wird. „Auf einmal versucht der Unfallverursacher, den Spieß umzudrehen und dem anderen Beteiligten ein Fehlverhalten anzulasten“, berichtet Tillmann. Beliebt sei auch die Argumentation, Kratzer und Beulen am Auto des Unfallgegners seien bereits vor dem Malheur vorhanden gewesen und sollten einem nun untergejubelt werden.

Was tun bei einem Bagatellschaden?

Zunächst einmal sollten die Beteiligten die Unfallstelle sichern, damit beispielsweise Auffahrunfälle vermieden werden. Das heißt: Warnblinkanlage einschalten, Warndreieck aufstellen, Warnweste anlegen.

Wichtig ist, den Unfallort und die Karosserieschäden zu fotografieren.

Auch sollten unbedingt die Kontaktdaten von Zeugen aufgenommen werden.

Beide Seiten sollten das Geschehene in einem Unfallprotokoll festhalten, das anschließend von beiden unterschrieben wird.

Anschließend ist das Geschehnis unverzüglich der Versicherung zu melden, auch wenn es sich nur um einen Bagatellschaden handelt und die Schuldfrage geklärt scheint.

Unabhängig von der Schuldfrage sollte die Versicherung in jedem Fall eingeschaltet und über den Schaden informiert werden, rät Tillmann. Die helfe ihren Kunden auch, unberechtigte Ansprüche abzuwehren. Auch der Schadensfreiheitsrabatt sei erst einmal nicht in Gefahr. Denn der Versicherte habe immer noch Zeit zu entscheiden, ob er den Schaden aus eigener Tasche begleichen wolle oder ob die Kfz-Haftpflichtversicherung die Regulierung übernehmen solle. „Der Versicherer kann dem Kunden ausrechnen, welche Variante im konkreten Fall am günstigsten ist“, erläutert Tillmann.

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