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Dieses Foto entstand im Juni dieses Jahres in 1250 Meter Tiefe auf der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop und zeigt Bergmann Andreas Stieglan bei der Arbeit.

Bergbauende

Ein letztes Stück Kohle – Abschied vom Steinkohlenbergbau

Bottrop - Am Freitag ist endgültig Schicht im Schacht. Die letzte Steinkohlenzeche in Deutschland wird geschlossen. Die Folgen des Bergbaus werden die Region noch auf ewig beschäftigen.

Großer Bahnhof für die letzte Kohle: Deutschland nimmt am Freitag Abschied vom Steinkohlenbergbau. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker kommen zur Schachtanlage Prosper-Haniel nach Bottrop, die als letzte deutsche Steinkohlezeche geschlossen wird.

Es dürfte ein hoch emotionaler Schlussakt nach 200 Jahren Industriegeschichte werden. „Bergleute fördern das letzte Stück Kohle zu Tage und übergeben es an den Bundespräsidenten. Gemeinsames Singen des Steigerliedes, begleitet durch den Ruhrkohle-Chor“, heißt es im Programm für die Abschlussveranstaltung mit 500 geladenen Gästen.

Steinkohle konnte schon seit vielen Jahren in Deutschland nur dank hoher Subventionen gefördert werden. Gut eine Milliarde Euro pro Jahr fielen zuletzt an, um die Preisdifferenz zum Weltmarkt auszugleichen. Auch 2019 stehen dem Kohlekonzern RAG noch einmal öffentliche Mittel in Höhe von rund einer Milliarde Euro zur Verfügung, um die Aufräumarbeiten unter und über Tage zum Abschluss zu bringen. Viele Jahre war die Steinkohle der größte Empfänger direkter Finanzhilfen des Bundes. Für 2010 hatte das Umweltbundesamt vorgerechnet, dass auf jeden Bergbaubeschäftigten fast 80.000 Euro an Subventionen entfielen.

In den besten Zeiten in den 1950er-Jahren hatten mehr als 600.000 Menschen Arbeit in der Branche. Allein im Kreis Recklinghausen arbeiteten zu dem Zeitpunkt 100.000 Menschen auf 22 Zechen. Jetzt beschäftigt der Bergbaukonzern RAG noch rund 3400 Mitarbeiter. Der immense Personalabbau gelang ohne Entlassungen – auch dank Milliardenzuschüssen für die Vorruhestandsregelungen der Bergleute, die nach 25 Jahren unter Tage mit 50 gehen dürfen. Allein in den vergangenen 20 Jahren sind nach Angaben von RAG-Chef Peter Schrimpf 45.000 Bergleute in den Vorruhestand gegangen.

Bremsten Subventionen den Strukturwandel?

Das Essener Wirtschaftsforschungsinstitut RWI geht davon aus, dass inzwischen rund 200 Milliarden Euro an Subventionen in den Bergbau geflossen sind. RWI-Energieökonom Manuel Frondel meint, „ohne diese Subventionen wäre der Strukturwandel an der Ruhr sehr viel schneller in Gang gekommen.“

Ganz anders sieht das Stefan Berger, der an Ruhr-Universität Bochum das Institut für soziale Bewegungen leitet. „Nirgends auf der Welt ist der Strukturwandel schwerindustrieller Ballungsregionen vergleichsweise so gut gelungen wie im Ruhrgebiet“, ist Berger überzeugt. In Großbritannien und den USA habe man den Wandel den Märkten überlassen. „Das hat zum Zusammenbruch ganzer Industrien innerhalb kurzer Zeit geführt.“

Für den Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Michael Vassiliadis, ist der sozialverträgliche Ausstieg aus der Steinkohle ebenfalls ein Vorbild für andere Branchen. „Wir haben dafür gesorgt, dass niemand ins Bergfreie gefallen ist. Das war ein gewaltiger Kraftakt, aber auch eine soziale Errungenschaft, die nicht hoch genug geschätzt werden kann“, sagt Vassiliadis. Der Gewerkschaftschef verteidigte auch die Subventionen. Seit dem Beginn der staatlichen Förderung 1960 seien im Schnitt etwa zwei Milliarden Euro pro Jahr in die deutsche Steinkohle geflossen. „Soviel zahlen wir Stromkunden an EEG-Umlage heute pro Monat“, betont Vassiliadis.

Bergleute würden jederzeit wieder auf Prosper oder einer anderen Zeche anheuern, ist der Gewerkschaftschef überzeugt. „Das hat nichts mit Kumpel-Romantik zu tun – aber ganz viel mit gelebter Solidarität und Stolz auf die geleistete Arbeit unter Extrembedingungen.“ Sich dieser bergmännischen Tugenden wieder stärker bewusst zu werden, „täte unserer Gesellschaft in diesen rauen Zeiten nur zu gut“.

Auch nach der Schließung der letzten Zeche im Ruhrgebiet wird in Deutschland weiter Steinkohle in Kraft- und Stahlwerken eingesetzt. Rund 14 Prozent des deutschen Stroms wurden in diesem Jahr mit Steinkohle erzeugt, schon jetzt ganz überwiegend mit Importkohle. In Datteln soll sogar noch ein neues Steinkohlekraftwerk ans Netz gehen. Seine Inbetriebnahme haben Gerichtsurteile und Pannen mehrfach verzögert. Kritiker der Kohleverstromung sind dafür, das Kraftwerk erst gar nicht anzuschalten.

Das Grundwasser muss geschützt werden

Die Bergbaugesellschaft RAG wird mit dem Ende der Kohleförderung aber nicht verschwinden, sie bekommt vielmehr eine Ewigkeitsgarantie. Denn tief in den stillgelegten Zechen und in Senken, die am Erdboden entstanden sind, muss dauerhaft Wasser in riesigen Mengen abgepumpt werden, damit das Grundwasser geschützt und die Region nicht zur Seenplatte wird. Für diese Ewigkeitsaufgaben sind aber nur noch rund 500 Mitarbeiter erforderlich.

1834:

Dem Industriellen Franz Haniel gelingt auf der Zeche Franz in Essen der Bau eines Tiefschachts. Das Datum gilt als Geburtsstunde der Industrialisierung des Ruhrgebiets.

1959:

Die Kohlekrise beginnt. Die Zeche Friedrich Thyssen 4/8 in Duisburg wird als erste Großschachtanlage stillgelegt.

1968:

Um einen geordneten Rückzug des Bergbaus organisieren zu können, schließen sich die Zechengesellschaften zur Ruhrkohle AG zusammen.

2007:

Der Bund, NRW und das Saarland, die RAG und die Gewerkschaft verständigen sich auf die Einstellung des Steinkohlenbergbaus Ende 2018.

2012:

An der Saar wird die letzte Zeche geschlossen.

2018:

Mit der Schließung der Zechen Prosper-Haniel in Bottrop und Ibbenbüren im Münsterland endet der Steinkohlebergbau in Deutschland.

Mindestens 220 Millionen Euro im Jahr werden das Pumpen und andere Maßnahmen wie die Regulierung von Bergschäden an Gebäuden kosten. Eine für die Finanzierung eigens gegründete Stiftung soll dafür sorgen, dass nicht auch diese Kosten vom Steuerzahler beglichen werden müssen.

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