Bistum Münster

Jetzt offiziell: Bischof vertuschte Missbrauch

Kreis RE - Für manche war Pfarrer Heinz Pottbäcker ein guter Seelsorger – andere machte er zu sexuellen Opfern. Die Bistumsleitung sah weg.

Die beiden Hauptpersonen sind nicht da. Beide längst tot. Es geht um Münsters 2013 verstorbenen Bischof Reinhard Lettmann und einen pädophilen Priester, der 1971 nach früheren Verfehlungen in die Kirchengemeinde nach Rhede versetzt wurde. Dort missbrauchte der 2007 verstorbene Heinz Pottbäcker erneut Kinder und Jugendliche. Auch im Ferienlager, wie Zeugen jetzt dem Bistum berichtet haben. Und das, obwohl die Bistumsleitung von der Vorgeschichte wissen musste. Zu ihr gehörte der damalige Generalvikar und spätere Bischof Reinhard Lettmann.

Als der jetzige stellvertretende Generalvikar des Bistums, Jochen Reidegeld, am Dienstagabend bei einer Informationsveranstaltung bei Opfern im Namen des Bischofs um Vergebung bittet, sind ihm Scham und Betroffenheit anzusehen. Von Versagen ist die Rede. Seine katholische Kirche müsse jetzt endlich die Strukturen zerschlagen, die das jahrzehntelange Vertuschen erst möglich gemacht haben. Reidegeld redet von Männerbünden und fordert, dass jetzt möglichst schnell Frauen Ämter übernehmen müssten. „Und da will ich nicht mehr hören, dass die Kirche dafür noch Generationen braucht.“ Es müsse jetzt geschehen.

Dass der pädophile Priester nicht nur im westlichen Münsterland Opfer gefunden hat, legt seine Versetzungsliste nahe. Nach der Weihe wurde er einschlägig verurteilt, arbeitete in Aldekerk, Bösensell, Dinslaken-Lohberg, Bockum-Hövel, Rhede – und in Waltrop, Recklinghausen, Marl. „Es gab Entscheidungen, vor denen man aus heutiger Sicht einfach fassungslos steht.

Aus Gemeinde Rhede haben sich mehrere Opfer gemeldet

Wie konnte man einen Priester, der sich des Missbrauchs schuldig gemacht hat, an eine Schule versetzen? Wie konnte man ihn erneut in einer Pfarrei einsetzen?“, spricht Reidegeld von strukturellem Versagen der Kirche. Als Gemeindemitglieder sich in der Versammlung geschockt zeigen, dass Verbrechen von der obersten Bistumsleitung gedeckt und vertuscht worden seien, stockt Reidegeld. Er könne sich den Wortmeldungen nur anschließen. Der spätere Bischof Lettmann – damals Generalvikar – hatte den Priester versetzt. Dafür hat das Bistum einen schriftlichen Beleg gefunden.

Zwei Mitarbeiter des Opferschutzvereins Zartbitter aus Münster erklären Hintergründe, schildern Verbrechen aus Opfersicht und warum das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Priester und Kind oder Jugendlichen in der Pubertät sexuellen Missbrauch so perfide macht.

Dass es eine Spaltung betroffener Gemeinden gab und gibt, machten Wortmeldungen hinter vorgehaltener Hand vor Versammlungsbeginn deutlich. „Alles hochgepuscht, solche Fälle gibt es doch in jedem Sportverein“, sagte ein älterer Mann in der ersten Sitzreihe. Die Bistumsleitung berichtete auch, dass der vorbestrafte Priester für andere Teile der Gemeinde wichtige Arbeit als Seelsorger geleistet habe. Beim Abschied in den Ruhestand veröffentlichte die Kirchenzeitung einen lobenden Artikel.

Offiziell haben sich allein aus der Gemeinde Rhede mehrere Opfer beim Bistum gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. Das Bistum Münster kündigte an, mithilfe Dritter die Vorwürfe aufzuarbeiten, es stehe dabei erst am Anfang. Erschwerend komme hinzu, dass Personalakten unvollständig seien. In vielen Fällen sei unklar, wer was wusste und zu verantworten hatte.

Die Staatsanwaltschaft Münster prüft, ob Ermittlungen aufgenommen werden. Dazu gab es erste Gespräche mit dem Bistum. Die Frage, ob die Fälle nicht längst verjährt sind für eine strafrechtliche Verfolgung, ist nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt nicht pauschal zu beantworten. „Da müssen wir uns jeden Fall einzeln anschauen.“

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