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Ein Borusse mit einer Schalker Niere: Holger Leister hat eine besondere Familiengeschichte zu erzählen. —Foto: Groeger

Blut ist dicker als Fußball

BVB-Fan schenkt S04-Anhänger eine Niere

Hattingen - Michael Leister spendet seinem Bruder Holger eine Niere. Die Besonderheit: Der eine ist Anhänger des FC Schalke 04, der andere Borusse.

Diese Geschichte beginnt mit einem Motorradunfall. Nicht auf einer Landstraße, nicht auf der Autobahn. Holger Leister ist auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums unterwegs, er fährt um eine Kurve, schlägt dabei wohl das Lenkrad etwas zu stark ein und gibt, als die Maschine zur Seite kippt, reflexartig auch noch Gas. Beim Sturz wird sein rechtes Bein vom Motorrad eingequetscht.

Es war das Jahr 2005

Das war im Jahr 2005. Damit beginnt eine Leidensgeschichte, die zwölf Jahre später in einer Nierentransplantation endet. Holger Leister bekommt sie von seinem jüngeren Bruder Michael gespendet. Holger Leister ist leidenschaftlicher Anhänger von Borussia Dortmund, Michael ist großer Fan des FC Schalke 04. „Sollte der BVB in dieser Saison den Titel holen“, sagt Holger und muss schmunzeln, „wäre ein kleiner Schalker Teil endlich auch mal Deutscher Meister.“

Er kann wieder lachen

Holger Leister kann wieder lachen nach einem Schmerz-Martyrium, das mehr als 13 Jahre dauerte. Der Unfall 2005 stellt sein Leben auf den Kopf. Mehr als 30 Mal wird er an seinem rechten Bein operiert, „fünf Jahre haben wir herumgedoktert.“ Jeden Tag habe er Schmerzen gehabt. Trotz hoch dosierter Medikamente, die ihn abhängig machen. Weil es nicht besser wird, entschließt er sich letztlich zur Amputation. „Das war tatsächlich keine schwere Entscheidung. Ich konnte so nicht mehr weitermachen.“

Nieren geschädigt

Doch es wird nur kurzzeitig besser. Mit der Beinprothese kommt Holger Leister zwar gut zurecht, doch der dauerhafte Einsatz von sehr starken Schmerzmitteln hat seine Nieren gravierend geschädigt. Er muss an die Dialyse, „drei Mal die Woche, immer für fünf Stunden.“ Und danach brauchte er immer einen ganzen Tag, um sich von der Dialyse zu erholen. Holger Leister bewundert die Mit-Patienten, die damit „bestens klar kommen“, wie er formuliert. Bei ihm ist es anders.

Sorge um den Bruder

Die Ärzte raten zu einer Transplantation, Holger Leister kommt bei Eurotransplant auf eine Warteliste für eine Spenderniere. Sein Bruder Michael, der acht Jahre jünger ist, hat sich da schon spontan als Spender angeboten. „Ich musste nicht eine Sekunde lang darüber nachdenken“, sagt der heute 45-Jährige. „Aber Holger wollte es zunächst nicht.“ Es war die Sorge um die Gesundheit seines Bruders, die für die ablehnende Haltung des 53-jährigen sorgte. „Was wäre, wenn er Probleme bekommt?“ Man merkt, dass das auch heute, gut 18 Monate nach der Transplantation, ein Thema für Holger Leister ist. Denn: „Zurückbauen“, wie er pragmatisch formuliert, „das geht ja nun mal schließlich nicht so einfach.“

Zustand verschlechtert sich

Doch sein Zustand verschlechtert sich. Holger stimmt am Ende zu, danach beginnen die umfangreichen Tests. Nur zwei von fünf Kriterien erfüllt die Spenderniere von Michael Leister, nicht besonders viel. Doch die Ärzte wagen dennoch im Sommer 2017 den Eingriff. Drei Stunden lang wird Michael Leister operiert. Als er im Aufwachraum aus der Narkose erwacht, wird sein Bruder vorbereitet. Fünf Stunden dauert es bei ihm. Michael Leister ist schnell wieder fit. Auch heute noch, wie er sagt: „Ich gehe acht Stunden arbeiten, ich muss keine Medikamente nehmen. Ich lebe ganz normal. Es ist, als hätte es diesen Eingriff gar nicht gegeben.“ Der Körper seines Bruders aber stößt das neue Organ ab. „Kein Wunder eigentlich“, wirft Holger ein. Eine Schalker Niere im Körper eines Dortmund-Anhängers, das kann ja nicht funktionieren. Fünf Wochen lang steht es ziemlich auf der Kippe um Holger Leister, „dann haben die Ärzte aufgeatmet. Und ich bin heute sehr dankbar, dass sie die Niere nicht aufgegeben haben.“ Mit Medikamenten bekommen die Mediziner das Problem in den Griff. 30 Tabletten täglich muss Holger Leister auch heute noch schlucken. „Es ist in Ordnung so, wie es jetzt ist“, sagt er.

„Glückauf“

„Ruhrpott“, ist auf seinem linken Arm tätowiert, „Glückauf“ auf dem rechten. Holger und Michael Leister sind Kinder des Kohlenpotts, in Sprockhövel geboren, direkt und offen heraus. Seine BVB-Leidenschaft trug Holger Leister schon immer nach außen. Auch, als er noch arbeitsfähig war. „Ausgerechnet ich habe auf Schalke gearbeitet“, verrät er und lacht schon wieder. Nach der Eröffnung der Arena war er für das Hinein- und Hinausfahrens des Rasens zuständig. Rudi Assauer stand ihm mal Auge in Auge gegenüber, als es kurz vor einem Bundesliga-Spiel zu einem technischen Problem kam. „Da war Alarm! Wenn der da vor dir stand mit seiner Zigarre, hattest du automatisch Respekt.“

Dank für den Bruder

Heute ist Holger Leister arbeitsunfähig. Aber er kann ein relativ normales Leben führen. Und dafür ist er seinem Bruder unendlich dankbar. Holger ist Dauerkarten-Besitzer und heute wieder regelmäßig im Stadion, und als der BVB von der außergewöhnlichen Geschichte der beiden Brüder erfährt, lädt der Klub die beiden ein – ausgerechnet das Revierderby im Herbst 2017, das Jahrhundert-Derby, das 4:4 endet, ist das erste Derby, das beide gemeinsam im Stadion erleben.

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