Bundesliga-Bilanz

Bonus der Vorsaison ist Tedescos einziger Trumpf

Gelsenkirchen - Der Druck nimmt zu – in dieser Saison kann Schalkes Trainer bislang kaum Argumente in eigener Sache liefern. Heidel gibt noch Beistand.

Genug der Komplimente. Irgendwann hatte Domenico Tedesco das Bedürfnis, der Runde nach langem Zuhören seinen Standpunkt zu vermitteln: „Ich will keinen Bonus aus der Vorsaison und schon gar nicht daran gemessen werden. Was jetzt zählt, ist diese Saison.“

Diesen Gedanken aus einer Unterhaltung mit Journalisten zu Beginn dieser Spielzeit wieder aufgenommen lässt sich heute sagen: Gute Argumente in dieser Saison konnte Tedesco kaum bis gar nicht liefern. Sein einziger Trumpf ist derzeit noch der Bonus aus der Vorsaison – aber der ist nach dem 1:2 gegen Leverkusen so gut wie aufgebraucht.

Schalke hat eine miserable Bundesliga-Bilanz und steckt mitten im Abstiegskampf – noch schlimmer: Tedesco hat (bis auf einen „freiwilligen“ Torwartwechsel) fast alles ausprobiert, nichts wurde besser. Im Gegenteil: Gegen Bayer leistete die Mannschaft in Halbzeit eins im Prinzip einen sportlichen Offenbarungseid – dass Tedesco später darüber staunte, wie schlecht die Öffentlichkeit das Spiel gesehen habe, war ebenfalls erstaunlich.

Mannschaft ohne Gerüst

Schalkes Trainer fehlt in dieser Saison nicht nur das Glück bei Personalentscheidungen, er hat sich auch in mehreren Punkten ganz konkret angreifbar gemacht:

Heftiges Rotieren:

In seiner ersten Saison mit Dreifach-Belastung wollte Tedesco offenbar nichts falsch machen und allen Wettbewerben und Spielern gerecht werden. Die Konsequenz: Es wurde so oft durchgewechselt, dass nicht nur den Spielern schwindelig wurde. Ein „Gerüst“ innerhalb der Mannschaft konnte sich so nicht entwickeln – was sich in der Bundesliga besonders im Mittelfeld zeigt.

Der Fall Naldo:

Schalkes überragender Spieler der Vorsaison ist mehr oder weniger zum Ersatzspieler degradiert worden. Und das in einer Mannschaft, die sich nach Führungspersönlichkeiten geradezu sehnt, weil ansonsten keine vorhanden sind. „Ein 36-Jähriger kann nicht alle drei Tage ein Spiel machen“, glaubt Tedesco. Besser geworden ist Schalke durch Naldos Bankdrückerei nicht.

Menschenführung:

Der Umgang mit und die Ansprache an die Spieler gilt nach wie vor als eine große Stärke Tedescos. Dass die Zweifel daran wachsen, liegt auch am Umgang mit Sebastian Rudy. Dass der auf Schalke bislang komplett enttäuscht hat, ist ja keine Frage. Aber das Zeitfenster zwischen Vertrauen (also Start-Elf) und kompletter Missachtung (nicht mal auf der Ersatzbank) ist bei Tedesco mitunter recht klein. In Augsburg spielte Rudy (schwach) von Beginn an, gegen Bayer flog er ganz aus dem Kader. Ob die Chancen so steigen, dass ein generell ja guter (und teurer) Kicker wie Rudy auf Schalke überhaupt mal Fuß fassen wird?

Neuzugänge:

Ihr Einbau in eine vorher gut funktionierende Mannschaft – gemessen an den Ausgaben in Höhe von ca. 50 Millionen Euro – bietet noch ganz viel Luft nach oben. Salif Sané hat zu viel mit sich selbst zu tun, um ein starker Abwehrchef sein zu können, Suat Serdar ist nur ein Mitläufer, Zehn-Millionen-Euro-Einkauf Omar Mascarell nicht mal das. Es soll Vereine geben, bei denen die Integration schneller gelingt.

Instinkt:

Der Instinkt für gute Personalentscheidungen ist Tedesco in dieser Saison bislang abhanden gekommen. Die Idee, Hamza Mendyl im Derby als Stürmer neben Weston McKennie einzuwechseln, war hanebüchen.

Noch gibt Schalkes Manager Christian Heidel dem im persönlichen Umgang stets sympathischen und zuvorkommenden Tedesco Rückendeckung: „Ich tue mich schwer, einen Trainer infrage zu stellen, den wir alle vor vier Monaten noch gefeiert haben.“

Ein ehrenwertes, aber auch trügerisches Argument. Denn vor vier Monaten wurde Domenico Tedesco ja gefeiert, weil er für den damaligen Schalker sportlichen Erfolg verantwortlich gemacht wurde.

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