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Jugendliche des Dattelner Comenius-Gymnasiums schildern in einem bewegenden Vortrag Eindrücke aus diversen Projekten der Schule wider das Vergessen.

Christlich-jüdische Zusammenarbeit

Dr.-Selig-Auerbach-Preis geht nach Datteln und Herten

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Kreis RE - Das Dattelner Comenius-Gymnasium und die Hertener Martin-Luther-Europaschule erhalten den Dr.-Selig-Auerbach-Preis 2019.

"Mensch, wo bist du? Gemeinsam gegen Judenfeindschaft“: So lautet das Jahresthema zur Woche der Brüderlichkeit 2019. Diese Veranstaltungsreihe für die christlich-jüdische Zusammenarbeit findet seit 1952 in mittlerweile mehr als 80 Städten statt. Im Kreis Recklinghausen zählt die Verleihung des Dr.-Selig-Auerbach-Preises zu den Höhepunkten der Aktionswoche. Die hiesige Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit hat die Auszeichnung an gleich zwei Schulen verliehen: an das Comenius-Gymnasium (Datteln) und die Martin-Luther-Europaschule (Herten).

„Wir wissen von der historischen Schuld und stellen uns der bleibenden Verantwortung angesichts der in Deutschland und in Europa von Deutschen und in deutschem Namen betriebenen Vernichtung jüdischen Lebens“, sagte die Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Kreis Recklinghausen, Gerda Koch. Mit ihrer ausgezeichneten Arbeit auf dem Gebiet der Erinnerungskultur trügen die Schüler dazu bei, dass sich das, was damals in Deutschland passiert sei, hoffentlich nie wiederhole.

Vortrag im Recklinghäuser Rathaus

Das Comenius-Gymnasium wurde für seine jahrelange Arbeit wider das Vergessen ausgezeichnet: Dazu gehören regelmäßige Fahrten in die ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz, Majdanek und Buchenwald, Aktionen zum Holocaust-Gedenktag und zur Reichspogromnacht, Gespräche mit Zeitzeugen oder das Schreiben von Briefen an KZ-Überlebende wie Rolf Abrahamsohn. Eindrücke dieser Projekte gaben Comenius-Schüler in einem bewegenden Vortrag im Recklinghäuser Rathaus wider.

„Mir persönlich werden die Zeitzeugenbesuche, die ich miterleben durfte, für immer im Gedächtnis bleiben“, sagte Melanie Dyka-Dietz (18). Sie hat Sally Perel zuhören können: „Ich werde nie vergessen, wie wahllos diesem Menschen Leid angetan wurde.“ Sehr positive Erinnerungen hat sie hingegen an eine Fahrt nach Danzig – wo sich die Jugendlichen innerhalb einer deutsch-polnischen Gruppe ganz ohne Vorurteile begegnet seien. „Es ist ja auch wichtig, in die Zukunft zu blicken“, sagte dazu ihre Mitschülerin Elisa Lachenit (17).

„Da musste ich die Tränen zurückhalten“

Vor allem für ihre Ausrichtung des Holocaust-Gedenktags 2018 hat die Martin-Luther-Europaschule den Dr.-Selig-Auerbach-Preis erhalten. Auf „Schlägel und Eisen“ habe die Sekundarschule eindrücklich gezeigt, „welche Verantwortung und welcher Auftrag sich aus dem Leidensweg von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern aus Herten und dem Schicksal von Zwangsarbeitern im Bergbau für die Demokratie heute ergeben“, sagte Jörg Schürmann, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, in der Laudatio. Besonders beeindruckt habe die Jury „die handlungsorientierte und kreative Zugangsweise mit tänzerischen, filmischen und musikalischen Elementen“.

So wurde mithilfe eines roten Tanzschuhs das Leben einer jüdischen Frau nacherzählt, die schließlich in Auschwitz vernichtet wird. „Am Ende liegt der rote Tanzschuh dann auf einem Haufen mit ganz vielen anderen kaputten Schuhen“, erzählte Amandine Labouret (15). Ihre Mitschülerin Silvana Kruse (15) weiß noch sehr gut, wie schwierig es war, ihren Text über die Deportationszüge vorzulesen: „Da musste ich die Tränen zurückhalten.“

Zusätzlich erhielt das Städtische Gymnasium Herten eine Anerkennungsurkunde für die Gestaltung des Holocaust-Gedenktags in diesem Jahr. Das Motto der Veranstaltung: „Schau hin! Misch dich ein! Sage Nein!“ „Ich glaube, wenn wir auf solche Schüler blicken können, müssen wir uns um die Zukunft keine Sorgen machen“, sagte Sarah Homann, Geschichtslehrerin vom Comenius-Gymnasium.

Dr.-Selig-Auerbach-Preis

Dr. Selig S. Auerbach war der letzte amtierende Rabbiner im damaligen Bezirksrabbinat Recklinghausen. Er wohnte hier von 1934 bis zu seiner Flucht vor den Nazis 1938. Auerbach verstarb 1997 in den USA. Zuvor hatte er mit seiner Frau Hilda 1988 und 1993 noch zweimal Recklinghausen besucht und war Gast am Gymnasium Petrinum. Damals, so Recklinghausens stellvertretende Bürgermeisterin Marita Bergmaier, habe seine Frau gesagt: „Hassen darf man nicht. Hass frisst den Menschen auf.“ Das sei angesichts der Familiengeschichte beinahe unglaublich.

Dennoch überwog bei den Reden im Rathaus ein nachdenklicher Ton: Es gebe deutliche Anzeichen für zunehmenden Populismus und Antisemitismus – auch Witze über Minderheiten seien wieder salonfähig. Und so resümierte Hermann Kuhl, Leiter der Martin-Luther-Europaschule: „Lassen Sie uns gemeinsam wachsam bleiben.“

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